Handbuch 5. Auflage

1266 Dörr  Kind einzufühlen, auf die Verdrängung der eigenen Kindheitserfahrungen zurück (Freud 1905). Gleichlaufend stehen seine Überlegungen zur Er- ziehung im engen Zusammenhang mit einer aus- drücklichen Gesellschafts- bzw. Kulturkritik. Dabei behauptet Freud (1927, 140) keineswegs (naiv), es gäbe eine Kultur, die den Menschen keinen Trieb- verzicht abverlangen würde. Aber es geht ihm im Rahmen seiner Auseinandersetzung zwischen Trieb und Kultur, zwischen Subjekt und Gesellschaft immer auch um die Kritik an der ihn umgebenden Gesellschaft: Erziehung findet im Dienste der Mächtigen statt, die die Triebunterdrückung der Schwachen für ihre Zwecke funktionalisieren. So sieht Freud (1939, 507) das grundsätzliche Di- lemma jeglicher Pädagogik darin: „Die Erziehung hat also ihren Weg zu suchen zwischen der Scylla des Gewährenlassens und der Charybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe überhaupt nicht unlösbar ist, muß ein Optimum für die Erziehung aufzufinden sein, wie sie am meisten leisten und am wenigsten schaden kann. Wenn sie das Optimum findet und ihre Aufgabe in idealer Weise löst, dann kann sie hoffen, den einen Faktor in der Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß der akziden- tellen Kindheitstraumen, auszulöschen.“ Freud wies der Psychoanalyse den Status einer Hilfswissenschaft für die Pädagogik zu: Ihr wesent- licher Beitrag liegt in der Aufklärung der Erzie­ herInnen, wodurch Chancen zur Umgestaltung der Erziehungspraxis eröffnet werden: die Erzie- hungsarbeit ist (Freud 1925, 565) „etwas sui generis (…) das nicht mit psychoanalytischer Beeinflussung verwechselt und nicht durch sie ersetzt werden kann. Die Psychoanalyse des Kindes kann von der Erziehung als Hilfsmittel herangezogen werden. Aber sie ist nicht dazu geeignet, an ihre Stelle zu treten.“ Pioniere der Psychoanalytischen Pädagogik Die ersten Vertreter einer Psychoanalytischen Päd- agogik ließen sich von der Freudschen Zuversicht leiten, durch die Aufklärung der Psychoanalyse zu einer Neurosenprophylaxe der Menschen beitragen zu können. Hierbei handelte es sich noch nicht um eine eigenständige Wissenschaftsdisziplin, sondern die Akteure zählten zu einer psychoanalytischen Bewegung um Freud bzw. waren Mitglieder der ersten psychoanalytischen Vereinigung. Um nur an einige zu erinnern: Alfred Adler, August Aichhorn, Erik Homburger Erikson, Hans Zulliger, Siegfried Bernfeld, Wera Schmidt, Dorothy Burlingham, Oskar Pfister, Fritz Redl, Rudolf Ekstein, Bruno Bettelheim. Von ihnen wurde vor allem der Aspekt der Aufklärung über das Trieb- und Affektgeschehen als die zentrale pädagogische Forderung in den Mit- telpunkt gestellt. Parallel dazu behielten sie sich – nicht zuletzt durch ihre Arbeit mit Heimkindern, „Verwahrlosten“ und sozial Ausgegrenzten – einen Zugang offen zu der von Freud charakterisierten Unvollkommenheit bisher entwickelter Kulturfor- men, in denen ihre Zielgruppen lebten und sich zurechtfinden mussten. Insofern verknüpften die Psychoanalytischen PädagogInnen der Weimarer Zeit ihren Kampf gegen eine repressive Gesellschaft mit einem Kampf für die sexuelle Aufklärung (Nie- meyer 2006, 108). Entsprechend konstatierte Füchtner (1978, 194), dass die Psychoanalytische Pädagogik ihre „Blütezeit“ zwischen 1918 und 1938 erlebte und sich in vielfältige psychoanalytisch-päd- agogische Institutionen manifestierte: Siegfried Bernfeld gründete 1919 das „Kinderheim Baumgar- ten“; in Wien engagierten sich in den 1920er Jahren neben August Aichhorn auch Hermine Hug-Hell- muth, Anna Freud oder Fritz Redl in Bereichen der Erziehungsberatung und organisierten Kurse für Pädagogen; Wera Schmidt betreute nach psychoana- lytischen Grundsätzen fünfjährige Kinder in einem Moskauer „Kinderheim-Laboratorium“; in Wien errichtete die Amerikanerin Dorothy Burlingham eine psychoanalytisch-pädagogische Versuchsschule („Burlingham-Rosenfeldschule“, 1927–1932); und 1926 wurde die Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik gegründet. Es war diese Gruppe der Psy- choanalytischen PädagogInnen, die auf die Psycho- analyse der damaligen Zeit eine große Wirkkraft entfaltete. Insbesondere Bernfeld formulierte wesentliche In- halte der Psychoanalytischen Pädagogik. Er sprach sich nicht nur für eine grundlegende Veränderung der Erziehungsinstitutionen aus, sondern radikali- sierte – in Konsequenz seiner marxistischen Ein- stellung – Freuds Gesellschaftskritik und baute dabei zielstrebig eine Brücke zur Soziologie, ohne die Analyseebenen der Disziplinen zu vermischen. Schon damals zeigte Bernfeld (1925 / 1967) an-

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