Handbuch 5. Auflage

1278  Qualität Von Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt Vorbemerkung Qualitätsdiskurse sind der Sozialen Arbeit nichts Fremdes. Kontroversen über „gute“ oder fachlich angemessene Sozialarbeit und Sozialpädagogik wie über Auswirkungen der Arbeit auf Klienten und Gesellschaft, gehören zur Fachlichkeit der sich pro- fessionalisierenden Sozialen Arbeit. Der Sache nach sind Qualitätsdiskurse immer schon Bestandteile einer reflexiven Disziplin und Profession. Dem Be- griff nach ist das Thema Qualität in der Sozialen Arbeit jedoch neueren Datums und auf engste ver- bunden mit dem dominant werdenden New Public Management (NPM) in Öffentlicher Verwaltung und Sozialen Diensten. Das Qualitätskonzept des NPM wiederum lässt sich zurückführen auf Unter- nehmenspraktiken und daraus abgeleiteten Ma- nagementansätzen, die in der Wirtschaft seit Ende der 1970er Jahre entwickelt wurden und seitdem durch die akademische Betriebswirtschaftlehre, in- ternational agierende Unternehmensberatungen und sonstige Akteure zur „neuen ideologischen Konfiguration“ des Kapitalismus geworden sind (Boltanski /Chiapello 2003, 89 ff.). Seit Beginn der 1990er Jahre hat diese neue managementbasierte Ideologie massiv an Einfluss gewonnen und dient seitdem nicht nur als Blueprint für binnenorgani- satorische und interorganisatorische Restrukturie- rungsprozesse in der globalisierten Wirtschaft, sondern dominiert auch die Reformdebatten in der Öffentlichen Verwaltung und den Sozialen Diens- ten. Diese Ideologie ist mittlerweile zur Grundlage der in allen OECD-Staaten beobachtbaren Wohlfahrts- staatsreformen geworden (Dingeldey /Rothgang 2009) und jede sozialpolitische Modernisierungs- agenda verspricht, neben der Effizienzsteigerung staatlichen Handelns gleichzeitig auch eine Quali- tätsverbesserung staatlicher Leistungen für die Bür- gerinnen und Bürger. Diese Entwicklung ist tref- fend als „Managerialismus“ beschrieben worden (Pollitt 1993; Clarke /Newman 1997; Rüb 2004). Seitdem stehen die Qualitätsdiskurse in der Sozialen Arbeit in einem neuen, erweiterten Kontext und sind nicht mehr nur als disziplin- und professions- interne Fachlichkeitsdiskurse zur Verbesserung und Professionalisierung der Sozialen Arbeit zu lesen. Von der Qualitätskontrolle zum Qualitätsmanagement in Wirtschaft und Verwaltung Seit den auf Frederick Winslow Taylor zurück da- tierbaren Ansätzen eines Scientific Management gibt es in der Industrie systematische Versuche zur Sicherung von Qualität in der Güterproduktion. Aber erst die Entwicklung von Verfahren der Qua- litätskontrolle mittels Methoden der angewandten Statistik und geeigneter Stichprobenverfahren so- wie deren erfolgreiche Implementierung in der US- amerikanischen Kriegswirtschaft während des Zweiten Weltkrieges ließen die Verfahren der Qua- litätskontrolle zu einem auch von der übrigen Industrie akzeptierten Verfahren werden. In Deutschland fanden Methoden der statistischen Qualitätskontrolle erst in den Nachkriegsjahrzehn- ten Eingang in die Wirtschaft; eine breite Anwen- dung war jedoch nicht möglich, da es an qualifi- ziertem Personal für den Einsatz solcher Methoden mangelte. Bis in die 1970er Jahre gab es mehrere Ansätze, die statistische Qualitätskontrolle zu institutionalisieren und zu professionalisieren, was erst mit der Gründung der „Deutschen Ge- sellschaft für Qualität“ (1968) und der Gründung des „Ausschusses Qualitätssicherung und ange- wandte Statistik“ im „Deutschen Institut für Nor- mung e. V.“ (DIN) 1972 gelang. Verfahren der Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art118, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=