Handbuch 5. Auflage
1288 Qualitative Forschung Von Karin Bock und Ingrid Miethe Qualitative Forschungen haben in der Sozialen Ar- beit eine lange Tradition. Gleichwohl hat sich die Soziale Arbeit lange Zeit nicht als genuin „for- schende Disziplin“ (Schweppe /Thole 2005) ver- standen, sondern konzentrierte sich stark auf ideen- geschichtliche, psychologisch orientierte und / oder gesellschaftspolitische Diskurse, die auf der Grund- lage von Forschungsergebnissen theoretische Ein- sichten und Deutungen produzierten. Die Gründe hierfür sind vielschichtig: Die Etablierung der „So- zialpädagogik“ an den Universitäten gelang nur schwerfällig im Kontext der geisteswissenschaftli- chen Theorietradition zu Beginn des 20. Jahrhun- derts. Getrennt wurde hier zunächst relativ strikt nach „ideengeschichtlicher“ sozialpädagogischer Theorie – angesiedelt an den Universitäten – und einer eher „praktisch“ orientierten Sozialarbeit, die an die Fachhochschulen verwiesen wurde (Müller 2006). Zwar wurde diese Haltung von den Protago- nistInnen Sozialer Arbeit nie recht ernst genommen, dennoch hat sie sich in dieser Form in die Ge- schichte Sozialer Arbeit, genauer: Sozialpädago- gik / Sozialarbeit eingraviert. Forschung, verstanden als eher quantitativ-positivistische Forschung, war kaum kompatibel mit der hermeneutischen Sicht auf die Welt, die die Hintergrundfolie geisteswis- senschaftlicher Theorietradition bildete (Winkler 2010). Erst im Zuge der sog. „realistischen Wende“, die 1967 mit dem Aufruf von Heinrich Roth und Hans Thiersch hin zu einer stärkeren Orientie- rung an empirischen Forschungsmethoden für die tatsächlichen Fragestellungen von Erziehung in die Geschichte der Erziehungswissenschaft einge- gangen ist, kam es in der Folge innerhalb der Er- ziehungswissenschaft insgesamt zu einer stärkeren Orientierung an qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden und -ergebnissen (Roth / Thiersch 1967). Ein ähnliches Schicksal widerfuhr einer aus der Sozialarbeit kommenden Forschungstradition. Ob- wohl (spätestens) seit dem 19. Jahrhundert in grö- ßerem Umfang sozialarbeiterisch relevante For- schungen durchgeführt wurden (Hoff 2010), blieb diese Tradition bis in die jüngste Zeit hinein wei- testgehend unbeachtet. Diese mangelnde Rezep- tion der sog. Sozialarbeitsforschung (die sich ex- plizit als Forschungstradition der Sozial arbeit versteht) ist nicht zuletzt darin begründet, dass die entsprechenden Ausbildungsgänge in Deutschland an Fachhochschulen angebunden wurden, die sich zunächst (öffentlich) als berufsqualifizierend ver- standen. Genuine Forschung wurde nicht explizit als Teil ihres Auftrags definiert, obgleich viele For- schungen aus den Fachhochschulen hervorgegan- gen sind. Vielmehr wurde das Verhältnis von For- schung und Praxis lange Zeit als Gegensatz betrachtet, eigene Traditionen und internationale Weiterentwicklungen sowohl auf Seiten der Sozial- pädagogik wie auf Seiten der Sozialarbeit ignorie- rend. Hinzu kommen die Kämpfe, die Sozialpäd agogik wie Sozialarbeit mit der Rezeption ihrer KlassikerInnen ausgestanden haben: bis zu Beginn der 1990er Jahre war nicht klar, ob – und wenn ja, wie sich die Soziale Arbeit insgesamt zu ihren weit- verzweigten und nicht immer willkommenen Wur- zeln verhalten sollte. Das Verständnis für die eigenen sozialpädagogi- schen wie sozialarbeiterischen Forschungs-, Theo- rie- und Klassikertraditionen, die sich nicht mehr konkurrierend als Forschung-Theorie-Disziplin- Praxis-Professions-Konflikt verstehen, hat sich je- doch in den letzten Jahren erheblich verändert. Zwar benötigte die Forschung in der Sozialen Ar- beit relativ lange, um überhaupt als wichtiger Be- standteil für die eigene professionelle Praxis wie disziplinäre Weiterentwicklung verstanden zu wer- den. Doch seit den 1970er und 1980er Jahren kam Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art119, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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