Handbuch 5. Auflage
Qualitative Forschung 1289 es zu einem erheblichen Aufschwung sozialpädago- gischer Forschungsbemühungen (Schweppe /Thole 2005) und auch an den Fachhochschulen existiert inzwischen eine beträchtliche Anzahl an For- schungsprojekten, die als solche wahrgenommen werden (die Auswertung von Projekten an Fach- hochschulen in Maier 1999). Gegenwärtig wird Forschung als wichtige Voraus- setzung für die Weiterentwicklung der Disziplin wie der Profession Sozialer Arbeit verstanden. Da- von legen nicht nur die in den letzten Jahren zu diesemThemenbereich erschienenen Sammelbände (z. B. Rauschenbach /Thole 1998; Schweppe 2003; Otto et al. 2003; Schrapper 2004; Schweppe /Thole 2005; Giebeler et al. 2007; Miethe et al. 2007) und ein „Handbuch Qualitative Methoden in der Sozia- len Arbeit“ (Bock /Miethe 2010) deutliches Zeug- nis ab. Vielmehr findet diese methodologisch und methodisch fundierte, wissenschaftlich-empirische Ausrichtung der Sozialen Arbeit auch ihren Nieder- schlag in neuen Publikationsreihen (z. B. die seit 2006 erscheinende Buchreihe „Rekonstruktive For- schung in der Sozialen Arbeit“ oder die 2009 neu konzipierte Zeitschrift „Soziale Passagen“) und ein- schlägigen Lehrbüchern (etwa Schweppe 2003; Steinert /Thiele 2008). Inzwischen hat sich die Si- tuation qualitativer Forschung(smethoden) in der Sozialen Arbeit grundlegend verändert: Denn die Zahl der qualitativen Studien, die sich mit sozialpä- dagogisch oder sozialarbeiterisch relevanten Fra- gestellungen beschäftigen, ist inzwischen unüber- sehbar groß geworden, so dass ein Gesamtüberblick schwer zu leisten ist. Im Folgenden soll deshalb die Entwicklung quali- tativer Forschungsmethoden und -fragen in der Sozialen Arbeit überblicksartig dargestellt werden, d. h. ohne Anspruch auf Vollständigkeit, aber mit aktuellen Trends und Tendenzen. Dafür werden in einem ersten Teil die wesentlichen historischen Wurzeln einer qualitativen Forschung in der Sozia- len Arbeit nachgezeichnet. Danach wird in einem zweiten Teil aus einer theoretischen Perspektive die Bedeutung qualitativer Methoden für die Soziale Arbeit dargestellt. Und abschließend wird ein Überblick über aktuelle Entwicklungen und das verwendete Theorie- und Methodeninstrumenta- rium gegeben. Empirische Traditionen qualitativer Forschung in der Sozialen Arbeit Im Wesentlichen lassen sich für die Soziale Arbeit drei relevante empirische Traditionen benennen: (a) Traditionen aus der Chicagoer Schule, (b) Tra- ditionen aus der Sozialarbeit und Wohlfahrtspflege und (c) Traditionen aus der Jugendforschung. a) Traditionen aus der Chicagoer Schule Die Forschungstradition der Chicagoer Schule hat für qualitative Forschung insgesamt eine immense Bedeutung (z. B. Bulmer 1984; Riemann 2003; Bohnsack 2005; Schütze 1994; Chapoulie 2004). Für die empirisch-qualitative Forschung in der Sozialen Arbeit bestehen hier jedoch ganz spezi- fische und gleichsam besondere Bezüge (Schütze 1994). Unter innovativen Rückbesinnungen wur- den diese Bezüge als „rekonstruktive Sozialpädago- gik“ (Jakob / v. Wensierski 1997) oder als „rekon- struktive Sozialarbeitsforschung“ (Giebeler et al. 2007; Miethe et al. 2007) aufgegriffen und weiter- entwickelt. Der zentrale Bezugspunkt wird in die- sem Diskursstrang v. a. durch methodische und methodologische Nähe begründet. Qualitative Forschungsmethoden, wie sie in der Chicagoer Schule bzw. in deren Weiterentwicklung Anwen- dung fanden, sind besonders gut an die klassisch- empirischen Fragestellungen Sozialer Arbeit an- schlussfähig, da diese Verfahren der Fallförmigkeit Sozialer Arbeit gerecht werden und das Nachzeich- nen subjektiven Sinnes ermöglichen. Allerdings wurde der Rückgriff auf die Forschungs- traditionen der Chicagoer Schule zumeist als Be- kenntnis zu soziologischer Forschung interpretiert, da sie als Wurzeln der mikrosoziologischen empiri- schen Sozialforschung und als Quelle des interpre- tativen Paradigmas insgesamt rezipiert worden sind (bspw. Schütze 1987). Diese Forschungstradition stellt jedoch weit weniger einen „Import“ aus der Soziologie dar, als dies in der Regel rezipiert wird. So handelt es sich bei den Chicagoer Feldstudien eher um Arbeiten, „die sich von Anfang an durch eine Sensibilität für die besondere Lebenssituation und die Leidensprozesse von randständigen Gesell- schaftsmitgliedern“ (Riemann 2003, 27 f.) aus- zeichneten.
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