Handbuch 5. Auflage

Qualitative Forschung 1297 diejenigen Bereiche zu beschränken, für die sie auch entwickelt wurden. So kann aufgezeigt wer- den, wie Forschungsmethoden konkrete Hand- lungspraxis beeinflussen können und gleichsam lassen sich die Grenzen zwischen diesen beiden Be- reichen definieren. Qualitative Methoden als Methoden der Selbstreflexion und Selbstbeforschung Letztlich finden qualitative Forschungsmethoden in der Ausbildung der Sozialen Arbeit Anwendung. Die damit verbundene Zielstellung ist eine dop- pelte: Hier geht es in erster Linie darum, For- schungsmethoden zunächst einmal kennen zu ler- nen, um auf diese Weise einen kritischen Blick auf empirische Studien entwickeln zu können und da- ran anschließend in die Lage versetzt zu werden, kleine Forschungsprojekte durchzuführen. Dieser (eher als klassische Methodenausbildung zu be- zeichnende) Bereich beinhaltet jedoch nur einen geringen Teil des darin liegenden Potenzials. Sehr viel wichtiger gerade auch für die Praxis der Sozia- len Arbeit ist derjenige Bereich, der inzwischen unter dem Begriff des „forschenden Lernens“ Ein- gang in den Fachdiskurs gefunden hat. Denn in diesem Bereich geht es nicht nur bzw. nicht in ers- ter Linie um die Vermittlung von Forschungs- methodik, sondern diese werden hier zu didakti- schen Modellen, um die eigene Praxis kritisch reflektieren, verstehen und Handlungsalternativen überlegen zu können (Riemann 2009). Im Unterschied zu den beiden zuvor beschriebenen Bereichen geht es also bei den qualitativen For- schungsmethoden als Selbstreflexion und Selbst- beforschung weniger darum, ein für die Praxis un- mittelbar handlungsrelevantes Instrumentarium zu entwickeln oder zu wissenschaftlich interessanten Ergebnissen zu kommen. Sondern hier geht es um die Entwicklung eines professionellen Habitus, durch und mit dem eine forschende Haltung als professionelle Grundhaltung in die Praxis der So- zialen Arbeit übernommen wird. Das heißt, die Zielrichtung dieses Bereiches liegt in der Entwick- lung eines professionellen Habitus  – und dies sowohl für angehende ForscherInnen als auch für an- gehende PraktikerInnen in der Sozialen Arbeit. Stellten Rauschenbach und Thole noch im Jahr 1998 fest, dass „eine eigenständige Debatte zu sozi- alpädagogischen, oder besser: zu sozialpädagogisch relevanten Forschungsmethoden, zu fachlich ver- tretbaren Forschungsdesigns und zu gegenstand- sangemessenen Forschungszugängen (…) bislang nicht auszumachen“ sei (Rauschenbach /Thole 1998, 15), hat sich diese Situation inzwischen ver- ändert: Qualitative Forschung(smethoden) haben innerhalb der Disziplin einen festen Platz erobert und einen breiten Diskurs entfacht. Hiermit wird darauf verwiesen, wie wichtig empirische Theorie- traditionen für eine „forschende Disziplin“ Soziale Arbeit ist, die sich ihrer Wurzeln in ihrem ganzen Ausmaß bewusst wird. Und vielleicht eröffnet die Rückbesinnung auf fast vergessene empirische Zu- gänge der Sozialarbeit wie der Sozialpädagogik den innovativen Neuanfang einer empirisch informier- ten wie theoretisch fundierten Sozialen Arbeit, die sich ihrer „vergessenen Zusammenhänge“ wieder stärker bewusst wird. Literatur Anderson, N. (1923/2002): The Hobo. The Sociology of the Homeless Man. In: Löschper, G., Meuser, M. (Hrsg.): Disziplinäre Orientierungen III: Qualitative Kriminologie, Bd.3 (1) (2002): Forum Qualitative Sozialforschung. In: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/issue/ view/23, 29.05.09 Baum, M. (1906): Drei Klassen von Lohnarbeiterinnen in Industrie und Handel der Stadt Karlsruhe. Braunsche Hofbuchdruckerei, Karlsruhe –, Westerkamp, A. (1931): Rhythmus des Familienlebens. Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauen- berufe, Berlin Bernays, M. (1910): Auslese und Anpassung der Arbeiter- schaft der geschlossenen Großindustrie. Duncker und Humblot, Leipzig Bock, K. (2009): Kinderalltag-Kinderwelten. Barbara Bu- drich, Opladen/Farmington Hills – (2000): Politische Sozialisation in der Drei-Generationen- Familie. Leske+Budrich, Opladen –, Miethe, I. (Hrsg.) (2010): Handbuch Qualitative Metho- den in der Sozialen Arbeit. Barbara Budrich, Opladen/Far- mington Hills Böhnisch, L. (1998): Sozialpädagogische Sozialforschung. In: Rauschenbach, Th., Thole, W. (Hrsg.): Sozialpädagogische Forschung. Juventa, Weinheim/München, 97–111 Bohnsack, R. (2005): „Social Worlds“ und „Natural Histo-

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