Handbuch 5. Auflage

1296 Bock · Miethe  methodologische Verfahren (etwa Messmer 2007; Bock 2009). Zu einer sozialpädagogischen bzw. sozialarbeiterischen Forschung werden diese Stu- dien also weniger durch die verwendeten Erhe- bungs- und Auswertungsverfahren als vielmehr durch das jeweils spezifische Erkenntnisinteresse, den „sozialpädagogischen Blick“, der als systemati- sierende Forschungsfragestellung zugrunde gelegt wird bzw. durch die Kontextualisierung der Ergeb- nisse innerhalb des Fachdiskurses. Dagegen spielen die noch in den 1970er Jahren häufig zum Einsatz kommenden Ansätze der Aktions- und Hand- lungsforschung heute nur noch eine randständige Rolle (Jakob 1997; Hering 2010). Sozialwissenschaftliche Forschung in der Sozialen Arbeit umfasst zwei Bereiche, die sich differenzieren lassen in die stärker auf die Handlungspraxis bezo- genen verschiedenen Formen von Evaluations-, Be- gleit-, Handlungs- und Verwendungsforschung und in eine Grundlagenforschung, die auf kom- plexere Verfahren zurückgreift und auch Themen untersucht, die nicht auf den ersten Blick als praxis- relevant erscheinen. Zielrichtung dieser For- schung – und darin unterscheidet sie sich von den beiden im Folgenden dargestellten Bereichen – ist ein theoretisches Erkenntnisinteresse, sei dies nun im Sinne einer gegenstandsbezogenen Theoriebildung oder aber im Versuch der Anschlussfähigkeit an spezifische formale Theorien. Genauer: Das Haupt- interesse liegt nicht darin, unmittelbar praxisrele- vant verwertbar zu sein und den Untersuchten ei- nen Nutzen aus der Forschung zu ermöglichen, sondern Ziel ist es, einen Beitrag zum wissenschaft- lichen Diskurs zu leisten. Letztlich ist eine Profes- sionalisierung und Verwissenschaftlichung der So- zialen Arbeit konstitutiv damit verbunden, dass diese Disziplin ihre eigene Forschung und auch ihre eigene Grundlagenforschung durchführt. Der Aus- bau dieses Bereichs befördert somit unmittelbar die disziplinäre und professionelle Weiterentwicklung der Sozialen Arbeit (auch Otto et al. 2003). Qualitative Forschungsmethoden als Me- thoden der professionellen Praxis Im Unterschied zu den sozialwissenschaftlichen Studien, deren Fokus auf einem theoretischen Er- kenntnisinteresse basiert, erfolgt im Bereich quali- tativer Forschungsmethoden als Methoden der professionellen Praxis eine Ausrichtung auf die konkrete Handlungspraxis . Qualitative Forschungs- methoden werden hier so modifiziert, dass sie für die konkrete Handlungspraxis nutzbar gemacht werden und führen so zu einer Erweiterung des bisherigen (Handlungs)methodenspektrums. Zwar bleibt hier die Grundlogik des qualitativen For- schens erhalten (z. B. die sequenzielle Interpreta- tion, die offenen Erzählstimuli oder aber die Grundlogik von Fallrekonstruktionen; ausführlich Völter 2008), doch diese Verfahren werden so ab- gekürzt, dass sie auch unter dem Zeitdruck der Praxis als Methoden der Diagnostik und Interven- tion anwendbar sind. Gleichwohl reduziert sich dieser Bereich nicht auf sog. „Abkürzungsstrate- gien“ (Schütze 1994, 280 ff.), sondern hier haben sich gerade in der Kombination unterschiedlicher Herangehensweisen eigenständige, neue Verfahren entwickelt. Auch wenn sich dieser Bereich erst in jüngster Zeit systematisch zu entwickeln und auszudifferenzie- ren beginnt, existieren inzwischen doch genügend Ansätze in dieser Richtung, die es rechtfertigen, diesem Bereich künftig größere Aufmerksamkeit zu schenken. In einem etwas engeren Verständnis von Forschung (Lüders 1998, 119 ff.) wird dieser Bereich nicht in erster Linie als genuine Forschung, sondern vielmehr als forschungsorientierte Hand- lungspraxis betrachtet. Doch vielleicht liegt gerade hier, im Grenzbereich zwischen Forschung /Theo- rie und Praxis / Politik, eine spezifische Chance für die Weiterentwicklung der Praxis und damit auch der Disziplin Sozialer Arbeit. Denn auch wenn Theorie und Praxis grundsätzlich verschiedene Sphären bzw. Spannungsfelder darstellen, die nicht ohne Weiteres vermischt werden können und grundsätzlich verschiedenen Logiken folgen (Mol- lenhauer 1998; Hamburger 2005), evoziert die Forschungspraxis eine eigene Logik: Hier lässt es sich teilweise nicht vermeiden, immer wieder durch empirische Studien das Feld mit zu ver- ändern; ebenso wie gerade aus dieser Vermischung ausgesprochen innovative Fragestellungen und Forschungsansätze entstehen können (Miethe 2007). Das zeigt sich nicht nur in gegenwärtigen handlungsorientierten Forschungsanstrengungen, sondern geht auch klar aus der Tradition der for- schenden Sozialarbeit hervor. Wichtig ist aller- dings, die Bereiche klar zu beschreiben, die jeweili- gen Logiken zu verdeutlichen und den Einsatz auf

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=