Handbuch 5. Auflage
1312 Rechtsextremismus Von Benno Hafeneger Die Geschichte der Bundesrepublik war wiederholt mit Rechtsextremismus konfrontiert und seit Be- ginn der 1990er Jahre ist er zu einem politischen und wissenschaftlichen Dauerthema geworden, das auch in der schulischen und außerschulischen Päd- agogik, in der Jugendarbeit und sozialen Arbeit von Bedeutung ist. Zahlreiche Studien und Erkennt- nisse zeigen und belegen die zeitbezogene Vielfalt und das Ausmaß rechtsextremer Phänomene, die für die Stabilität und Entwicklung einer demokra- tisch-pluralistischen Gesellschaft zwar nie zu einer bedrohlichen Gefahr wurden, aber als politische Teilkultur präsent und aktiv war. Es sind vor allem die Wahlerfolge und Repräsentanz von rechtsextre- men Parteien in kommunalen und Landespar- lamenten, das immer wieder gemessene rechts- extreme Einstellungspotenzial in der Bevölkerung, die ideologischen und strategischen Veränderungen im rechtsextremen Lager und dann das Ausmaß an rechtsextrem motivierten Straf- und Gewalttaten, die sowohl Hinweise für Herausforderungen der Demokratie und politischen Kultur sind wie auch den Wandel des bundesdeutschen Rechtsextremis- mus zeigen. Historischer Blick Ein Blick in die Geschichte der Bundesrepublik zeigt, dass es den organisierten Rechtsextremismus als politische „Sub- und Teilkultur“ und rechts- extreme Orientierungen in der Bevölkerung schon immer gegeben hat. Er war mit seinen Organisati- onsformen, Mitgliedern und Aktivitäten sowie Wahlergebnissen präsent und aggressiv, mit einem zyklischen „Auf und Ab“ verbunden; er konnte aber die Stabilität der demokratisch verfassten Ordnung der Republik nie wirklich gefährden (Dudek / Jaschke 1984). In historisch-chronologi- scher Perspektive lassen sich – grob – fünf Phasen unterscheiden: Es war e rstens die Reorganisation der extremen Rechten in der Nachkriegszeit und der ersten Hälfte der 1950er Jahre mit der – dann verbotenen – „Sozialistischen Reichspartei“ (SRP) als organisatorischem Zentrum, weiter gab es eine ausgeprägte rechtsextreme Jugend- und Kultur- szene. Dann wurde z weitens in den 1960er Jahren die NPD das organisatorische Zentrum der extre- men Rechten mit einer relativ großen Mitglieder- zahl; sie war in sieben Landtagen vertreten und erhielt bei der Bundestagswahl 1969 4,3% der Wählerstimmen. Drittens waren die 1970er Jahre dominiert von aggressiven, militanten neonazisti- schen Kleingruppen, die vor allem eine Verjün- gung und Radikalisierung des Lagers zeigten. In den 1980er Jahren und der ersten Hälfte der 1990er Jahre gibt es viertens für „Republikaner“, NPD und DVU zahlreiche Wahlerfolge auf kom- munaler und Landesebene sowie eine weitere Dif- ferenzierung der rechtsextremen Jugendszene (z. B. die Skinheadszene). Mit dem Prozess der deut- schen Einheit gibt es fünftens vor allem seit Mitte der 1990er Jahre vielfältige Veränderungen und Dynamiken im bundesdeutschen Rechtsextremis- mus, die mit Wahlerfolgen, Modernisierungen und Differenzierungen im organisierten Lager (u. a. Freie Kameradschaften, Jugendkultur) und neuen Strategie- und Ideologievarianten sowie ei- nem anhaltend hohen Niveau von fremdenfeind- lich, rechtsextrem und antisemitisch motivierten Straf- und Gewalttaten verbunden sind. Hier zeigt vor allem die maskuline Jugendkultur eine aggres- sive und gewaltförmige Männlichkeit, die autoch- thone Orientierung (Territorialverhalten etc.) mit einer allgemeinen gruppenbezogenen Menschen- feindlichkeit (gerichtet gegen Fremde, Schwule, Linke, Obdachlose etc.) verbindet. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art121, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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