Handbuch 5. Auflage
Rechtsextremismus 1313 Rand und/oder Mitte In der wissenschaftlichen Diskussion gibt es für denRechtsextremismus keine allgemein anerkannte Definition. Als wesentliche Merkmale gelten „Na- tionalismus, Rassismus, ein autoritäres Staatsver- ständnis und die Ideologie der Volksgemeinschaft“ (Stöss 2005, 17). Nach Jaschke (2001, 31) geht es um die „Gesamtheit von Einstellungen, Verhaltensweisen und Aktionen, organisiert oder nicht, die von der rassisch oder ethnisch bedingten sozialen Ungleichheit der Menschen ausgehen, nach ethnischer Homogenität von Völkern ver- langen und das Gleichheitsgebot der Menschenrechts- Deklaration ablehnen, die den Vorrang der Gemeinschaft vor dem Individuum betonen, von der Unterordnung des Bürgers unter die Staatsräson ausgehen und die den Wertepluralismus einer liberalen Demokratie ablehnen und Demokratisierung rückgängig machen wollen.“ Nach Stöss (2005) ist der Rechtsextremismus durch die beiden Dimensionen Einstellungen (als Nationa- lismus, Ethnozentrismus, Sozialdarwinismus, Anti- semitismus, Pro-Nazismus, Befürwortung einer Rechts-Diktatur, Sexismus) und Verhalten (als Pro- test / Provokation, Wahlverhalten, Partizipation, Mitgliedschaft, Gewalt /Terror) charakterisiert. Nach Heitmeyer (2008) geht es bei rechtsextremen Orientierungen um eine Verkoppelung der Ideologie der Ungleichwertigkeit und Gewaltakzeptanz ; diese Definition wird als Kern eines Syndroms von Grup- penbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) mit zehn Elementen verstanden und empirisch untersucht. Die Abwertung von gesellschaftlichenMinderheiten kann sich nach dem GMF-Projekt beziehen auf: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Antisemitismus, Homophobie, Sexismus, Islamophobie, Etablierten- vorrechte, Abwertung von Langzeitarbeitslosen, Obdachlosen, Behinderten. Im Zusammenspiel von sozialer Ungleichheit mit ihren Desintegrations- gefahren, Anerkennungsbedrohungen und der Ideologie der Ungleichwertigkeit kommt Letztere „in Gestalt schwacher Gruppen zum Ausdruck, die wiederum eine Legitimationsfunktion für Diskri- minierung, Ausgrenzung und Gewalt erfüllt oder zumindest erfüllen kann“ (Heitmeyer 2008, 38). Nach Decker /Brähler (2006) hat der Rechtsextre- mismus eine „kognitive, eine affektive und eine ver- haltensbezogene Komponente“ (13). Weiter differenziert die wissenschaftliche Debatte einen Rechtsextremismus als Randphänomen und / oder in der Mitte der Gesellschaft (De- cker / Brähler 2006; Heitmeyer 2007; Decker et al. 2008). Heitmeyer (2007) spricht von einer „nor- malen, unauffälligen Mitte“, die „beunruhigt“ und „beunruhigend“ ist (27), weil bei ihr, vor dem Hin- tergrund von Abstiegsängsten, Bedrohungen von sozialer Desintegration und Orientierungslosig- keit, die Ablehnung und Abwertung von Gruppen und „Feindseligkeit inzwischen zur Normalität ge- hört. Das Phänomen Fremdenfeindlichkeit ist also nicht länger auf dem rechten Rand des politischen Spektrums beschränkt“ (29). Auch Decker / Bräh- ler (2006) kommen mit den gemessenen Zustim- mungswerten zu den sechs erfassten Dimensionen (Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antise- mitismus, Sozialdarwinismus, Verharmlosung des Nationalsozialismus) zu dem Ergebnis, dass rechts- extreme Einstellungen vielfältige Ursachen haben, ein Problem in der Mitte der Gesellschaft sind und Bestandteile rechtsextremer Einstellungen „durch alle gesellschaftlichen Gruppen und in allen Bun- desländern gleichermaßen hoch vertreten sind“ (55). In einer weiteren Studie kommen Decker et al. (2008) zu dem Ergebnis, dass „die Ausländer- feindlichkeit sowohl quantitativ als auch qualitativ die am stärksten vertretene Dimension in den meisten Diskussionen“ war (273) und „Defizite im demokratischen Verständnis weiter Teile der Bevöl- kerung bestehen“ (463). Ursachen und empirische Forschung In der Diskussion um Ursachen und Erklärungs- faktoren liegen zahlreiche Theorieangebote vor, die sich auf unterschiedliche wissenschaftliche Tradi- tionen und Ebenen beziehen. Dies sind einerseits mehr individualwissenschaftliche oder mehr sozial- strukturelle Deutungen, weiter gibt es Versuche, mehr interdisziplinär zu argumentieren. Stöss (2005, 48 ff.) bietet den Zusammenhang von poli- tischer Kultur, Persönlichkeitseigenschaften und individuellen Problemlagen mit Erklärungsfak- toren an, die das Reservoir bieten; dazu gehören der autoritäre Charakter, die Unzufriedenheit mit dem sozialen Status, die relative Deprivation, der
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