Handbuch 5. Auflage
Religionen und Soziale Arbeit 1329 Kindern und Jugendlichen, auf dem Feld der Senio- reneinrichtungen sowie im Bereich der Aus- und Weiterbildungsstätten aufzuweisen. Die Diakonie ist führend auf dem Feld der Behinderteneinrich- tungen sowie im Bereich der Einrichtungen für kranke und suchtgefährdete Menschen. Wie Birgit Fix aufweist, spielen für die Diakonie insgesamt die stationären Einrichtungen eine größere Rolle als für die Caritas, während im Bereich der Caritas der Selbsthilfe mit 30,1% im Verhältnis zur Diakonie mit 16,5% eine deutlich höhere Bedeutung zu- kommt (Fix 2005, 56). Religionen und Soziale Arbeit im gesellschaftlichen und sozialpolitischen Transformationsprozess Der religiöse Pluralismus nimmt auch in der Ge- genwart weiter zu. Die Signale auf dem Feld des Religiösen sind nicht ohne Weiteres auf einen Nen- ner zu bringen. Migration und steigender religiöser Pluralismus sind mit einer neuen Sichtbarkeit des Religiösen und einer gesteigerten Aufmerksamkeit für den religiösen Faktor verbunden (Gabriel 2008). Mit typischen Brechungen spiegeln sich in Deutschland darin globale Phänomene der Revita- lisierung religiöser Traditionen wider. Gleichzeitig kommen die Kirchen angesichts wachsender Indi- vidualisierung der Lebensführung und -orientie- rung immer deutlicher an die Grenzen ihrer reli- giösen und sozialen Integrationskraft. Deshalb verwundert es nicht, dass das herkömmliche „asym- metrische religionspolitische Arrangement“ (Wil- lems 2008) zu Gunsten der Kirchen in Deutsch- land zunehmend in Spannung zur gesellschaftlichen Realität gerät. Auf dem Feld der wohlfahrtsstaatli- chen Strukturen sind die Veränderungen unüber- sehbar. Die Transformation des korporatistischen Modells der dualen Wohlfahrtspflege in Deutsch- land steht im Zentrum der Veränderungen. Ohne dass es bisher zu einem wirklichen Systembruch gekommen wäre, wurden neue sozialpolitische und sozialadministrative Steuerungsformen etabliert (Lessenich 2003). Sie zielen sowohl auf eine stär- kere Entstaatlichung der sozialen Dienstleistungs- erbringung als auch auf eine Sprengung des als Wohlfahrtskartell gedeuteten geschlossenen Sys- tems verbandlicher Akteure der Sozialen Arbeit. Die Wohlfahrtsverbände und ihre Soziale Arbeit werden in staatlich arrangierte Sozialmärkte hi- neingezwungen und untereinander, sowie verstärkt mit privatwirtschaftlichen Anbietern, unter Kon- kurrenzdruck gesetzt. Den Rahmen bilden Sozial- staatsreformen, die unter globalem und europäi- schemEinfluss die sozialpolitischenTraditionslinien calvinischer Prägung eher stärken und die in Deutschland dominierenden lutherischen und ka- tholischen Traditionen eher schwächen (Manow 2008). Für das Verhältnis von Religionen und So- zialer Arbeit ergeben sich daraus weitreichende Konsequenzen. Auf der einen Seite entstehen neue Spielräume für religiöse Akteure aller Art, die sich vor Ort um eine wachsende, von materiellen und psychischen Nöten und drohender Exklusion be- troffener Bevölkerung kümmern. Die deutschland- weit sich ausbreitenden Tafeln und die Hospizbe- wegung lassen sich als Beispiele anführen. In den Kirchen wächst die Aufmerksamkeit für Initiativen im Sozialraum der Kirchengemeinden, die sich mit oder ohne Unterstützung der verbandlichen Seite entwickeln (Schmälzle 2008). Die mangelnde Ver- netzung gemeindlicher und verbandlicher Caritas bzw. Diakonie wird als drängendes Problem artiku- liert. Auf der anderen Seite geraten die Einrichtun- gen kirchlicher Sozialer Arbeit unter einen nach- haltigen Ökonomisierungsdruck. Die Spannungen zwischen religiöser Programmatik und professionel- len Methoden nehmen zu. Für die Verbände und ihre Einrichtungen wird es immer schwieriger, ihre religiöse Identität zu wahren und einen gelungenen Mittelweg zwischen weitgehender Indifferenz der Sozialen Arbeit gegenüber der religiösen Program- matik einerseits und einer betonten Kongruenz mit einem Einsatz der Religion zu Therapiezwecken zu finden (Krech 2001, 102 f.). Was für die deutsche Sozialstaatsentwicklung insgesamt gilt, lässt sich auch für das Verhältnis von Religionen und Sozialer Arbeit konstatieren. Weder die These von Kon- tinuität noch von scharfer Diskontinuität wird der Realität in vollem Umfang gerecht. Vielmehr haben wir es mit Kontinuität und Wandel zugleich zu tun (Lessenich 2003, 299–308).
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