Handbuch 5. Auflage
1328 K. Gabriel den äußerst erschwerten Bedingungen des SED- Weltanschauungsstaats ein gewisser religiöser Ein- fluss auf die Soziale Arbeit erhalten. Religionen und Soziale Arbeit heute: ein Überblick Die Lage der Religionen in Deutschland ist durch einen wachsenden Pluralismus gekennzeichnet (Gabriel 2009, 23). Dieser weist eine deutliche Asymmetrie auf: knapp 65% der Bevölkerung ge- hören entweder der evangelischen oder der katho- lischen Kirche an. Während die beiden großen Kirchen seit längerer Zeit an Mitgliedern verlieren, steigt die Mitgliederzahl der kleinen christlichen Gemeinschaften, insbesondere der charismatischen und evangelikalen Gemeinden. In der Hauptsache durch Zuwanderung sind auch die 17 verschiede- nen Richtungen und Organisationen der Ortho- doxen Kirche in Deutschland gewachsen. Wie nie zuvor sind auch die großen Weltreligionen in Deutschland präsent. Die Situation des Islam, mit ca. 4Mio. Gläubigen insgesamt die größte Gruppe nach den beiden großen Kirchen, ist durch eine Vielfalt von Richtungen und Herkunftsethnien gekennzeichnet. Aus dem Blickwinkel der einhei- mischen Bevölkerung handelt es sich beim Islam um die Einwanderungsreligion schlechthin. Seit den frühen 1990er Jahren haben die jüdischen Ge- meinden einen enormen Wachstumsprozess durch die Einwanderung aus den GUS-Staaten zu ver- zeichnen. Den Kern der in Deutschland vertrete- nen östlichen Religionen bilden Hindu-Tamilen aus Sri Lanka und vietnamesische Boatpeople buddhistischen Glaubens. Insbesondere der Buddhismus hat neben den Zugewanderten auch eine Reihe deutscher Anhänger. Zahlenmäßig be- sonders schwer zu erfassen sind die neureligiösen Gruppierungen, zu denen völkisch-religiöse Ge- meinschaften wie Bewegungen mit asiatischem Hintergrund gehören. Man kann davon ausgehen, dass Soziale Arbeit in allen Religionsgemeinschaften eine gewichtige Rolle spielt. Eine lange Tradition besitzt die Soziale Arbeit in den jüdischen Gemeinden in Deutsch- land (Jüdisches Museum Frankfurt am Main 1992). Der 1917 gegründete jüdische Wohlfahrts- verband gehörte von der ersten Stunde in der Wei- marer Republik an zu den in der Liga der Freien Wohlfahrtspflege zusammengeschlossenen Wohl- fahrtsverbänden in Deutschland. Bis heute bildet der von den Nationalsozialisten aufgelöste und schon 1951 wieder gegründete Verband einen der 6 Akteure der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, neben Caritas und Dia- konie der einzige religiöse Verband. Die vielfältige Soziale Arbeit wird in einem Jugend- und Sozialre- ferat koordiniert. Seit der Zuwanderungswelle der 1990er Jahre gehört die Integration jüdischer Mig- ranten aus den GUS-Staaten zum zentralen Ar- beitsfeld der ZWST. Die 4 Millionen Muslime in Deutschland sind in ca. 2300 Moscheevereinen organisiert, die größ- tenteils nationalen Verbänden der verschiedenen Herkunftsländer angehören (Lemmen 2003, 191). Da die Moscheegemeinden in der Regel Kristallisa- tionspunkte islamischer Lebensführung darstellen, haben sie neben ihrer genuin religiösen Funktion auch Bedeutung für die soziale Tätigkeit. So bieten sie vielfältige Hilfestellungen zur Integration an wie Sprach- und Nachhilfekurse und kooperieren nicht selten mit kommunalen, für die Integration verantwortlichen Stellen. Für viele Muslime sind die Imame die ersten außerfamiliären Ansprech- partner für alle Probleme des Alltagslebens und die primären psycho-sozialen Berater, wobei ihnen eine angemessene Ausbildung für die Beratung fehlt (Rüschoff 2003, 208). Spielt die religiös getragene organisierte und pro- fessionelle Soziale Arbeit bei den nicht-christlichen Religionen in Deutschland nur eine sehr geringe Rolle, so sind die beiden großen christlichen Kir- chen mit ihren Verbänden von Caritas und Dia- konie auch heute die Hauptträger der dualen Wohlfahrtspflege in Deutschland. Bei allen Unter- schieden im Einzelnen weisen beide Wohlfahrts- verbände doch eine ähnliche Struktur auf. Sie ver- stehen sich als die mit den diakonischen bzw. caritativen Aufgaben betrauten Organe ihrer Kir- chen. Sie besitzen jeweils eine territoriale und eine fachverbandliche Struktur. Die Organisationen und Einrichtungen beider Verbände sind weit- gehend selbstständig, sodass ein organisatorischer Durchgriff der Zentralen nicht möglich ist. Caritas und Diakonie sind insgesamt Träger von beinahe 61.000 Einrichtungen. Sie sind mit Abstand die beiden größten Wohlfahrtsverbände in Deutsch- land. Die verbandliche Caritas hat deutlich mehr Einrichtungen im Bereich der Arbeit mit Familien,
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