Handbuch 5. Auflage

1332  Religiöse Erziehung Von Friedrich Schweitzer Begriff Religiöse Erziehung kann in einem engeren, muss aber auch in einem weiteren Sinne verstanden wer- den. Im engeren Sinne wird vielfach nur an den Vorgang von religiöser Unterweisung und Ge- wohnheitsbildung gedacht, durch den Kinder und Jugendliche (oder Erwachsene) mit Lehre und Le- ben einer Kirche oder Religionsgemeinschaft ver- traut werden. Als Grundmodell dient bei diesem Verständnis der Katechismusunterricht, verbunden mit der Einübung von Gebet, Gottesdienstbesuch usw. Unter heutigen Voraussetzungen ist diese Vorstel- lung in mehrfacher Hinsicht zu erweitern , weshalb zunehmend auch von religiöser Bildung oder Be- gleitung gesprochen wird. Zunächst ist religiöse Erziehung in pädagogisch-sozialwissenschaftlicher Sicht weder intentional noch empirisch auf Kirch- lichkeit beschränkt. Erst ein allgemeiner Religions- begriff, der funktional oder strukturell von Trans- zendenzbezug,letztenSinn-undWertorientierungen usw. ausgeht, vermag der in heutiger Praxis vor- findlichen Gestalt religiöser Erziehung gerecht zu werden. So wird etwa in der Familie nach wie vor religiös erzogen, aber eben ohne Weiteres nicht zur Kirchlichkeit. Eine zweite Erweiterung des katechetischen Ver- ständnisses erwächst aus Sozialisationsforschung und Entwicklungspsychologie. Ähnlich wie Spra- che oder Moral wird Religion nicht einfach durch intentionale Unterweisung vermittelt, sondern in einem komplexen, personalen, institutionellen und gesellschaftlichen Prozess, der als religiöse Soziali- sation bezeichnet werden kann, wobei die religiöse eng mit anderen Dimensionen der Sozialisation verbunden und im Unterschied zur religiösen Un- terweisung von diesen nicht als eigener Bereich ab- zugrenzen ist. Eine dritte Erweiterung ergibt sich aus der Situa- tion von Multikulturalität und Multireligiosität. Herkömmlicherweise wurde Religion in der deut- schen Tradition, auch im pädagogischen Diskurs, als im weiten Sinne christliche Religion verstanden. Heute ist diese Gleichsetzung von Religion und Christentum nicht mehr möglich, so dass sozialisa- tionstheoretisch beispielsweise auch nach der reli- giösen Erziehung muslimischer Kinder zu fragen wäre – was freilich erst allmählich bewusst wird und bislang nur in Ansätzen geschieht. Der Begriff der religiösen Erziehung bezeichnet so- wohl intentionale Vorgänge der religiösen Unter- weisung und Einübung in kirchliche oder religiöse Praxis als auch eine allgemeine Dimension aller Erziehung und Sozialisation. Neben der christlich- kirchlichen Religion sind zunehmend andere For- men individueller und gesellschaftlicher Religion zu bedenken sowie die religiöse Erziehung in nicht- christlichen Religionen. Religiöse Erziehung schließt damit alle Formen, Aspekte und Dimen- sionen der Erziehung ein, die auf letzte Fragen, Werte, Sinngebungen usw. bezogen sind, und zwar innerhalb wie außerhalb der Religionsgemeinschaf- ten. Das jeweils als „Religion“ Bezeichnete bleibt dabei noch offen, muss aber in den Zusammen- hängen von Theorie und Praxis jeweils eigens be- stimmt werden. Religiöse Erziehung und Geschichte der Sozialarbeit / Sozialpädagogik Zwischen der religiösen Erziehung und der He- rausbildung der modernen Sozialarbeit / Sozialpäd­ agogik besteht ein enger Zusammenhang. An den Wurzeln der modernen Sozialarbeit / Sozialpäd­ agogik fließen religions- und sozialpädagogische Motive unmittelbar ineinander. Die Erziehungs­ Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art123, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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