Handbuch 5. Auflage
1342 Resilienz Von Thomas Gabriel In allen Lebensaltern reagieren Menschen höchst unterschiedlich auf ausgeprägte Risiken und mani- feste Krisen. Während einige vergleichsweise leicht subjektiv widrige und problematische Lebens- umstände überwinden, sind andere unter vergleich- baren Bedingungen anfällig für psychische Störun- gen und Krankheiten, soziale Auffälligkeiten oder sonstige individuell und sozial problematische Be- wältigungsformen. Das Forschungsfeld hat sich in den letzten Jahrzehnten insbesondere im anglo- amerikanischen Raum zu einem multidisziplinären und heterogenen Gebiet entwickelt. In den letzten Jahren lässt sich ein zunehmendes Interesse im deutschsprachigen Diskurs in verschiedensten Themengebieten dokumentieren (Welter-Ender- lin /Hildenbrand 2006; Damrow 2006; Opp / Fin- gerle 2007; Fooken / Zinnecker 2007; Zander 2008). Die nationale und internationale Heteroge- nität erfordert zunächst eine heuristische Annäh- rung. Begriff Resilienz Der Terminus Resilienz umschreibt in seiner abs- trakten Verklammerung die Widerstandsfähigkeit gegenüber belastenden Umständen und Ereignissen und stellt somit einen positiven Gegenbegriff zur Vulnerabilität dar. Im begrifflichen Kern geht es um die Fähigkeit, den Prozess oder das Ergebnis der ge- lungenen Bewältigung belastender Lebensumstände (Masten et al. 1990, 426). Grundsätzlich ist Resi- lienz in unterschiedlicher Qualität mit jeder mensch- lichen Entwicklung verbunden. Hingegen kann es eine absolute Unverletzbarkeit im menschlichen Dasein nicht geben. Aus diesem Grund wurde der Begriff der Invulnerabilität in der neueren Diskus- sion durch den Begriff der Resilienz ersetzt. Resi- lienz bezeichnet eine relationale Invulnerabilität im Sinne einer relativen Widerstandsfähigkeit gegen- über krisenhaften Situationen und Lebensereignis- sen. Und auch diese relative Widerstandsfähigkeit ist kein fixiertes und statisches Persönlichkeitsmerk- mal (Werner / Smith 2001), sie kann biographisch bzw. zeitlich und räumlich variieren und sollte kei- neswegs mit einer völligen Abwesenheit von Belas- tungssymptomen gleichgesetzt werden (Rutter 1985; Werner 2007, 27). Perspektiven der Sozialpädagogik Die Analyse der protektiven Faktoren, die Kindern und Jugendlichen helfen, krisenhafte und proble- matische Umstände zu bewältigen, erscheinen als eine wichtige Ergänzung zu vorliegenden Wissens- beständen über Risikofaktoren in Sozialisations- und Erziehungsprozessen. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die durch Forschung vielfältig belegten sozialstrukturellen Risikofak- toren, die das Aufwachsen heute begleiten, in Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit zu einem professionellen Pessimismus und verbreiteten Miss- verständnissen geführt haben. Für den Bereich der stationären Erziehungshilfen lässt sich dieses Miss- verständnis als Verlust des Glaubens an die Wirk- samkeit des eigenen Handelns belegen. Little (1992) spricht von einem „lack of belief“, der zu einer Konzentration auf das pragmatisch Machbare („we will be thankfull if the girl stays alive“) und einem Verlust von positiven Zielvorgaben für das eigene Handeln führen (103). Individuell gescheiterte Biographien lassen sich zudem verhältnismäßig leicht subsumptions- logisch mit dem Verweis auf problematische Be- dingungen des Aufwachsens erklären. Hier zeigt sich eine fatale Analogie in der fachlichen Optik von Praxis und Theorie. Die Unzulänglichkeit Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art124, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=