Handbuch 5. Auflage

Resilienz  1343 dieser Argumentation wird jedoch durch den Blick auf jene Lebensläufe deutlich, die unter widrigsten Umständen stattfinden und im Ergebnis dennoch als erfolgreich gelten können. Cowen und Work (1988) nutzen zur Illustration dieses irritierenden Befundes das Bild von Kindern, die schwimmen, obwohl sie nach wissenschaftlicher Maßgabe sin- ken müssten: „… children who swim when all pre- dictors say they should sink“ (602). Interessanter- weise kommen hier vorliegende Studien in Erklärungsnot. Die kasuistische Studie von Hart- mann (1996) kann dies exemplarisch verdeutli- chen. Was insbesondere in zwei Fällen wider Er- warten zu einer positiven Entwicklung beigetragen hat, kann Hartmann (1996) durch seine Zentrie- rung auf pathologische Perspektive nur unzurei- chend mit dem „Aufholen sozialer Retardierungen“ erklären (309, 411). Hier wird auch terminologisch die fachlich verbreitete Interpretation „ex negativo“ deutlich, die fixiert auf zuvor festgestellte Defizite oder Abweichungen der Resilienz Heranwachsen- der kaum Potenzial einräumt. Die Frage nach Resi- lienz verschiebt den Fokus von Forschung auf die positiven Einflüsse individueller Entwicklung und damit auf die Bewältigung von erfahrenen Benach- teiligungen oder existenziellen Bedrohungen. Ins- besondere die Aufdeckung jener protektiven Faktoren, die trotz widriger und belastender Bedin- gungen zu einer stabilen Entwicklung beitragen, könnten zu einer Neubewertung und Differenzie- rung von Präventions- und Interventionsstrategien in der Sozialen Arbeit führen. Resilienzforschung Je nach disziplinärer und nationaler Verortung wer- den die Anfänge der Resilienzforschung unter- schiedlichen Autoren zugeordnet (Luthar 2003; Ti- zard /Varma 2000; Glantz / Johnson 1999). Da die frühen Forschungen die Fragestellung weitgehend unsystematisch verfolgten, verspricht die Klärung der frühen Historie keinen nennenswerten Erkennt- nisgewinn. Aus diesem Grund sollen zur Sichtung der Forschungslage im Folgenden exemplarische Studien zur Resilienz rekapituliert werden, um an- schließend forschungstheoretische Implikationen und eine Kritik individualisierender Konzepte der Resilienzforschung mit der Frage der Bewältigung sozialer Benachteiligungen zu verbinden. Die ersten Ansätze der Resilienzforschung lassen sich vor etwa 50 Jahren im Rahmen von Studien zur Psychopathologie erkennen. In diesen tauchte Resilienz zunächst als überraschender Neben- befund der Frage nach Risikofaktoren auf (Glantz / Sloboda 1999, 111). So formulieren Cicchetti und Garmezy (1993, 497) diese rückbli- ckend als Frage nach den individuellen, familiären und sozialen Faktoren, die vorhandene Risikofak- toren aufheben oder relativieren. Insbesondere in medizinisch psychiatrischen Studien tauchten resi- liente Kinder oft wider theoretischen Erwartungen auf. In der Untersuchung von Anthony (1987) über Kinder psychotischer Eltern wird dies deut- lich. Insgesamt 40% der in seiner Studie unter- suchten Kinder wurden von einem interdisziplinä- ren Team als entwicklungsbeeinträchtigt, jedoch frei von einem psychiatrischen Krankheitsbild di- agnostiziert. Überraschend stellte sich heraus, das weitere 10% der Kinder nicht nur als frei von Auf- fälligkeiten eingestuft wurden, sondern entgegen jeder theoretischer Erwartung als erstaunlich resi- lient: „It was the third subsample […] that came as a surprise […] These children of psychotic parents were not simply escaping whatever genetic transmission destiny had in store for them, and not merely surviving the milieu of irra- tionality generated by psychotic parenting; they were apparently thriving under conditions that sophisticated observers judged to be highly detrimental to a child’s psychosocial development and well-being. Unfavourable hereditary developmental potentials and environmental conditions were working together against these children, and still they thrived.“ (Anthony 1987, 148) Anthony (180) mahnt jedoch ebenso wie Werner und Johnson (1999, 260) an, dass selbst nach Langzeitstudien über 15 oder 40 Jahre ein Zusam- menbruch in der restlichen Lebenszeit nicht aus- zuschließen sei. Anthony benennt als „Preis“ der Resilienz der von ihm untersuchten Gruppe zudem eine starke Affektkontrolle, Bindungsangst und ein hohes Maß an intellektueller Distanz (Anthony 1987, 180). International vielbeachtet sind die Studien von Werner und Smith (1982; 1992; 2001). Ihr Ge- genstand ist der komplette Jahrgang der 1955 auf der Insel Kaui (Hawaii) Geborenen, die in sechs Lebensaltern, das letzte Mal im vierzigsten Lebens-

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