Handbuch 5. Auflage

Resilienz  1347 Elternarbeit betrieben und dies zudem nur „punk- tuell“, „unverbindlich“ und „wenig intensiv“ (Bun- desministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 1998, 24). Eine Konzentration auf ent- wicklungsfördernde Einflüsse könnte insofern auch der Entwicklungspraxis inhärenten Konzentration auf Abweichungen und Defizite begegnen, die letztlich zu unzulässigen Pathologisierungen der Klientel führen, auch wenn dies von den Professio- nellen nicht intendiert ist. Das Konzept der Resilienz besitzt hohe Suggestiv- kraft. Nicht nur als Projektionsfläche des Wunsches menschlicher Unbesiegbarkeit scheint es geeignet. Bei näherer Betrachtung zeigt sich eine Verwandt- schaft zum Mythos des amerikanischen Traums. Gemeint ist hier die ideologische Annahme, dass der Einzelne durch harte Arbeit erfolgreich die ei- genen Ziele umsetzen könne, wenn er denn nur wolle: „resilience has its base in drama […] the mistaken view that any and all could succeed were they work hard“ (Garmezy 1996, 13). Eine neo- liberalistische Interpretation öffnet sich jedoch nur dann, wenn das Konzept der Resilienz als rein per- sonale Eigenheit oder gar bio-genetische Disposi- tion verstanden wird. Die nach Forschungslage nicht zulässige Annahme, einer je individuellen psychischen Widerstandsfähigkeit, die zudem vom Einzelnen herzustellen sei, würde dann zu einer Pa- thologisierung jener Menschen führen, die sich im Angesicht der Zumutungen ihrer Umwelt als vul- nerabel zeigen. Insofern ist das Konzept der Resi- lienz zu entmythologisieren. Es kann weder zur moralischen Legitimation vorenthaltener sozialer Teilhabe genutzt werden, noch zur Abwertung der Versuche, gerechte Strukturen zu schaffen und so- zialen Ungleichheiten zu begegnen. Resiliente In- dividuen sind nicht aus sich selbst heraus wider- standsfähig. Resilienz ist primär als das Produkt protektiver Faktoren zu verstehen, die individuelle Entwicklung im sozialen Nahraum begleiten. Und eben die gilt es im Rahmen von Forschung genauer zu bestimmen, um sie in politischen und sozialpäd­ agogischen Handlungskonzepten umzusetzen. Literatur Ansen, H. (2003): Sozialpädagogische Aspekte der Kinderar- mut. In: Gabriel, T., Winkler, M. (Hrsg.) (2003): Heim- erziehung. Kontexte und Perspektiven. Ernst Reinhardt, München/Basel, 46–55 – (1998): Armut – Anforderungen an die Soziale Arbeit. Eine historische, sozialstaatsorientierte und systematische Ana- lyse aus der Perspektive der Sozialen Arbeit. Peter Lang, Frankfurt/M. Anthony, E.J. (1987): Children at High Risk for Psychosis Growing up Successfully. In: Anthony, E.J., Cohler, B.J. (Hrsg.), 147–184 –, Cohler, B.J. (1987): The Invulnerable Child. The Guilford Press, New York Below, S. (2002): Bildungssysteme und soziale Ungleichheit. Das Beispiel der neuen Bundesländer. Leske&Budrich, Opladen Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju- gend (Hrsg.) (1998): Leistungen und Grenzen von Heim- erziehung. Ergebnisse einer Evaluationsstudie stationärer und teilstationärer Erziehungshilfen. Kohlhammer, Köln Cicchetti, D., Garmezy, N. (1993): Prospects and Promises in the Study of Resilience. Development and Psychopatho- logy 5, 497–502 Cowen, E.L., Work, W.C. (1988): Resilient Children, Psy- chological Wellness, and Primary Prevention. American Journal of Community Psychology, Vol. 16, 591–607 Damrow, M.K. (2006): Sexueller Kindesmissbrauch. Eine Studie zu Präventionskonzepten, Resilienz und erfolgrei- cher Intervention. Juventa, Weinheim/München Daniel, B., Wassell, S. (2003): Adolescence. Assessing and Promoting Vulnerable Children 3. Jessica Kingsley Publis- hers, London/New York Fooken, I., Zinnecker, J. (Hrsg.) (2007): Trauma und Resi- lienz. Juventa, Weinheim/München Gabriel, T. (2007): Elternarbeit in der Heimerziehung – Pro- blemheuristik und internationale Forschungbefunde. In: Homfeldt, H.-G., Schulze-Krüdener, J. (Hrsg.), 174–183 – (2001): Forschung zur Heimerziehung. Eine vergleichende Bilanzierung in Großbritannien und Deutschland. Ju- venta, Weinheim/München Garmezy, N. (1996): Reflections and Commentary on Risk, Resilience, and Development. In: Haggerty, R., Sherrod, L.R., Garmezy, N., Rutter, M. (Hrsg.): Stress, Risk, and Resilience in Children and Adolescents: Processes, Mecha- nisms, and Interventions. Cambridge University Press, Cambridge, England, 1–18 Glantz, M.D., Johnson, J.L. (Hrsg.) (1999): Resilience and Development. Positive Life Adaptions. Kluwer Acade- mic/Plenum Publishers, New York –, Sloboda. Z. (1999): Analysis and Reconceptualization of Resilience. In: Glantz, M.D., Johnson, J.L. (Hrsg.), 109– 128 Hartmann, K. (1996): Lebenswege nach Heimerziehung. Bio- graphien sozialer Retardierung. Rombach, Freiburg i.B.

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