Handbuch 5. Auflage

1346 T. Gabriel  Grund erscheint es in deutlicher Abgrenzung zu individualisierenden Konzepten von Resilienz be- deutsam, den sozialen Kontext jenseits genetischer oder psychischer Dispositionen der Individuen grundlegend und systematisch einzubeziehen. So benennt Rutter (2000) ungeachtet seiner medizi- nisch-psychiatrischer Sicht vor dem Hintergrund seiner langjährigen Forschungserfahrung, die Ge- fahren einer falschen Konzeptionierung („Miscon- ception“ (25) der neueren Resilienzforschung durch eine Überbetonung genetischer Faktoren und einer Vernachlässigung sozialer Einflüsse. Die Bedeutung des Sozialen und damit die Relevanz von Erziehung, Familie, Bildung und insbesondere der sozialen Netzwerke für die Ausbildung von Resilienz wurde durch Forschung bereits grund- legend belegt (Daniel /Wassell 2003; Taylor /Wang 2000; McGinty 1999; Kolip 1993). Jenseits einer durch weitere Forschung näher zu bestimmenden Hierarchisierung der sozialen Einflussfaktoren und ihrer differenzierten Rückbindungen an individu- elle psychosoziale Entwicklung ist nach der bisheri- gen Forschungslage das Konzept der Resilienz ebenso wie jedes Konzept von Vulnerabilität ohne den Einfluss des Sozialen nicht seriös denkbar. Der Hinweis auf diese Trivialität erscheint notwendig, da von vielen Wissenschaftlerinnen und Wissen- schaftlern vor dem Hintergrund der Erfolge gene- tischer Forschung die Biologie als Leitwissenschaft des 21. Jahrhunderts erkannt wird (Wilson 1998). Die Gefahr besteht insofern in einer Präformierung der Resilienzforschung durch biologistische Denk- weisen. In der Logik der Modelle zur Resilienzforschung ist Armut für Heranwachsende mit einer Vielzahl von Belastungen und zugleich mit einem Mangel an protektiven Faktoren verbunden (Zander 2008). Neben der Anhäufung von Risikofaktoren bleiben Armutslagen oft über längere Zeit bestehen, was die Wirksamkeit der negativen Einflüsse auf die Entwicklung Heranwachsender verstärkt. Der ne- gative Effekt sozio-ökonomischer und kultureller Ungleichheiten akkumuliert insofern bei Kindern in Familien mit geringem Einkommen und wirkt mit hoher Wahrscheinlichkeit bis ins Erwachsenen- alter fort (Woodroffe et al. 1993). Nun erscheint es zu kybernetisch, die positiven und negativen Ein- flüsse schlicht kumulativ gegeneinander aufzuwie- gen. Rutter (1999) geht ebenso wie Kirby und Fraser (2002) davon aus, dass unterstützende Ein- flüsse erst dann als protektive Faktoren wirksam werden, wenn Risikofaktoren auf das Individuum einwirken. Dies bedeutet, dass resiliente Kinder und Jugendliche nicht an sich ein höheres psycho- soziales Wohlbefinden besitzen, als andere Heran- wachsende. Ihre relative Immunität wird erst dann aktualisiert, wenn sie negativen Einflüssen aus- gesetzt sind. Dies impliziert zugleich, dass auch die protektiven Aspekte des Sozialen ebenso wie die psychischen Komponenten des Konstruktes nicht als fixe Größen, sondern dynamisch und wandel- bar zu verstehen sind. Neben der Verkettung von belastenden Einflüssen lässt sich vergleichbares über die protektiven Faktoren annehmen. Perspektive und Kritik Resilienzforschung im hier verstandenen Sinn kann auf eine optimistischere Art an die Stärken und Entwicklungsperspektiven junger Menschen an- knüpfen, da sie empirisch belegt, dass trotz ungüns- tiger Entwicklungsbedingungen gelungene Biogra- phien möglich sind – in den Worten von Werner und Smith (1982): „not all development is deter- mined by what happens early in life“ (2). Wird das Konzept der Resilienzforschung nicht individualis- tisch psychologisierend aufgefasst, implizieren die Ergebnisse der vorliegenden Studien ein hohes in- dividuelles Entwicklungspotenzial und drängen zugleich Annahmen der Determination durch so- zial-strukturelle Risikofaktoren oder biologisch-ge- netische Dispositionen zurück. Neben der Auf- wertung von Erziehung, Bildung und sozialer Einflüsse im Lebenslauf, lassen sich zugleich Indi- katoren zur Institutionskritik und -reform ableiten. So erscheint zum Beispiel die Frage der Quantität und Qualität sozialer Netzwerke als ein wichtiger Faktor der Herausbildung von Resilienz. Exempla- risch umgesetzt auf die Jugendhilfe bedeutet dies, dass die Beschaffenheit der sozialen Bezüge junger Menschen in Heimen zu Gleichaltrigen außerhalb der Einrichtung sowie zum Herkunftsmilieu einen zentralen Einfluss auf ihre Entwicklung besitzen (Gabriel 2001; 2007; Homfeldt / Schulze-Krüdener 2007). Ob diese theoretische Prämisse gängige Pra- xis außerhalb von Modellprojekten widerspiegelt, erscheint fraglich. So weist beispielsweise die Tü- binger „Jule“ Studie aus, dass nur etwas mehr als ein Drittel der untersuchten Einrichtungen (37%)

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