Handbuch 5. Auflage
Schulwesen 1361 Bundesländer gilt aber nach wie vor: Am Ende der gemeinsamen Grundschule müssen die Eltern ent- scheiden, ob sie ihr Kind auf ein Gymnasium oder auf eine andere Schulform schicken wollen. Dabei bietet das Gymnasium nach wie vor den „Königs- weg“ zum Abitur, während die anderen Schulfor- men mehrheitlich auf geringerwertige Abschlüsse hin orientieren. Vor allem in den 1960er und 1970er Jahren hat es engagierte schulreformerische Bemühungen gege- ben, dieses gegliederte System zugunsten einer ge- meinsamen Schule für alle – die integrierte Ge- samtschule – abzulösen (Gudjons /Köpke 1996). Diese Reformbemühungen sind aufgrund des gro- ßen politischen Widerstandes jedoch stecken ge- blieben, die Gesamtschule wurde bestenfalls zur vierten Schulform neben Hauptschule, Realschule und Gymnasium. Betrachtet man dieses hierarchisch gegliederte Schulsystem im internationalen Vergleich, so zeigt sich, wie spezifisch deutsch diese Schulstruktur ist: Nicht nur die nord- und osteuropäischen Länder, sondern auch die USA haben seit langem ein nicht- gegliedertes Schulsystem, in dem alle Schüler etwa bis zum 15. Lebensjahr eine gemeinsame Schule besuchen. Viele Industriestaaten haben nach 1945 ihr ursprünglich gegliedertes Schulsystem zu ge- samtschulähnlichen Systemen „umgebaut“; dies trifft z. B. für Frankreich, England, Italien, Japan, Schweden, Dänemark zu (Döbert et al. 2002). Ein Schulsystem, das Kinder im 10. Lebensjahr auf verschiedene Schulformen aufteilt, findet sich nur in deutschsprachigen Ländern. Die Trennung zwischen allgemeiner und beruflicher Bildung Aus der historisch gewachsenenTrennung zwischen „volkstümlicher“ und „akademischer“ Bildung er- klärt sich nicht nur die hierarchische Gliederung des allgemeinbildenden Schulwesens; vielmehr ist dies auch der Ursprung der Trennung zwischen „allgemeiner“ und „beruflicher“ Bildung. Die da- hinterstehende bildungstheoretische Vorstellung, es gäbe einerseits eine zweckfreie und besonders wertvolle „Bildung“ (für wenige) und andererseits eine zweckbezogene, weniger wertvolle „Ausbil- dung“ (für viele), ist vielfach kritisiert und auf ihre ideologischen Komponenten zurückgeführt wor- den: Ihr historisch-gesellschaftlicher Hintergrund ist „letztlich die Trennung von geistiger und kör- perlicher Arbeit und die damit verbundenen Un- terschiede und Interessengegensätze hinsichtlich der wirtschaftlichen Lage sozialer Klassen und Schichten“ (Klafki 1985, 28). Trotz dieser Kritik ist das deutsche Schulsystem nach der 10. Klasse weiterhin strikt nach dieser Trennung organisiert: In der gymnasialen Ober- stufe findet Studienvorbereitung – und also keine „Berufsbildung“ – statt. Wer hingegen die Sekun- darstufe I nach der 9. oder 10. Klasse verlässt, tritt in den Bereich der „beruflichen Bildung“ ein – oft in eine Teilzeit-Berufsschule, die neben einer be- trieblichen Ausbildung besucht wird (Baethge 2008). Das bedeutet, dass von nun an eine nicht- akademische Berufstätigkeit als Perspektive angese- hen wird. Organisatorisch und institutionell sind „berufliche“ und „allgemeinbildende“ Schulen strikt voneinander getrennt; dies gilt für die Leh- rerausbildung genauso wie für die Lehrpläne, die Schulaufsicht und die Abschlusszertifikate. Daraus ergibt sich die – uns selbstverständlich erschei- nende – Konsequenz, dass ein / -e 17-Jährige / -r sich entweder auf eine Studienberechtigung vor- bereiten oder einen Beruf (z. B. Schreiner) erlernen kann. Ein solcher Entscheidungs- (bzw. Auslese-) zwang zwischen allgemeiner und beruflicher Bil- dung ist in Schulsystemen anderer Länder jedoch nicht vorhanden. Hier lässt sich zum einen wiede- rum auf die USA verweisen, die ein öffentliches System der Berufsausbildung nicht kennen, die aber in den Abschlussklassen der Highschool eine Vielzahl berufsqualifizierender Kurse (z. B. Auto- mechanik, Buchhaltung) anbieten. Zum anderen ist hier das Modell der schwedischen Gymnasial- schule von besonderem Interesse: Den 16- bis 19-jährigen Schüler / -innen stehen 23 unterschied- liche Züge – vom humanistischen über den fahr- zeugtechnischen bis hin zum naturwissenschaftli- chen Zug – zur Wahl offen; die meisten dieser Züge orientieren auf ein Berufsfeld, lassen jedoch auch die Möglichkeit eines künftigen Studiums prinzipiell offen (Döbert et al. 2002, 452 ff.). In der Bundesrepublik hat es in den 1970er Jahren weitgehende Reformversuche zur Integration all- gemeiner und beruflicher Bildung gegeben. Sie konnten nur in NRW mit dem Modell der Kolleg- schule eine gewisse Breitenwirkung erzielen (Blan- kertz 1986).
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