Handbuch 5. Auflage
1365 Sexualpädagogik Von Uwe Sielert Begriffsklärungen Sexualpädagogik ist eine Aspektdisziplin der Päd- agogik, welche sowohl die sexuelle Sozialisation als auch die zielgerichtete erzieherische Einfluss- nahme auf die Sexualität von Menschen erforscht und wissenschaftlich reflektiert. Da sich Pädago- gik in neuerem Verständnis auf alle Lebensberei- che bezieht, kann auch die Lebenswelt von Er- wachsenen und alten Menschen zum Gegenstandsbereich der Sexualpädagogik gerech- net werden. Sexualerziehung als Praxis meint die kontinuierliche , intendierte Einflussnahme auf die Entwicklung sexueller Motivationen, Ausdrucks- und Verhaltensformen sowie von Einstellungs- und Sinnaspekten der Sexualität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Mit Sexualauf- klärung wird in der Regel die Information über Fakten und Zusammenhänge zu allen Themen menschlicher Sexualität bezeichnet, meist als ein- maliges Geschehen, mehr oder weniger zielgrup- penorientiert. Sexualaufklärung ist damit ein Teil der Sexualerziehung. Auch sexualpädagogische Be- ratung kann in Sexualerziehung integriert werden, wenn sie – meist punktuell, ausgelöst durch Kon- flikte und Krisen – Lern- und Entwicklungspro- zesse im Gespräch mit einzelnen oder Gruppen unterstützt. Im Mittelpunkt der Sexualerziehung stehen inten- tional gelenkte Lernprozesse, während sexuelle So- zialisation oder Sexualisation auch unabhängig von Sexualerziehung stattfindet, so z. B. durch unbe- dachte alltägliche Selbstverständlichkeiten, mediale Einflüsse und positiv oder negativ empfundene Ir- ritationen der sexuellen Identität im Laufe der per- sönlichen Entwicklung. Mit der Aktualisierung des Bildungsbegriffs im gesellschaftlichen und erzie- hungswissenschaftlichen Diskurs ist in den letzten Jahren vermehrt vom neuen Paradigma der sexuel- len Bildung die Rede. Gemeint ist ein lebenslanger Prozess der Selbstaneignung sexueller Identität in Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Welt, den die Pädagogik nur noch freundlich begleiten kann (Schmidt / Sielert 2008). Geschichte der Sexualerziehung In unserem Kulturkreis wurde Sexualerziehung seit Jahrhunderten durch die kirchenamtlich interpre- tierte christliche Sicht von Sexualität bestimmt. Je nach Grundposition und Toleranzbereitschaft des Betrachtenden wird die daraus resultierende, seit dem 17. Jahrhundert in Europa dominierende Se- xualerziehung als „normativ“, „christlich-konser- vativ“ oder „repressiv“ bezeichnet. Wie Koch noch 1971 in seiner Analyse von sexualpädagogischen Aufklärungsschriften zeigte, sind die meisten Bü- cher und Traktate bis in die 1960er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein katholischer, evangeli- scher, aber auch überkonfessionell-christlicher Herkunft und somit identisch mit sexualmorali- schen Praxistheorien als didaktisierte sexualmorali- sche Werte (Koch 1971). Neben dieser starken Beeinflussung durch Moral- theologie und kirchenamtliche Lehre wurden die se- xualpädagogische Praxis und ihre Praxistheorien durch definitionsmächtige Leitwissenschaften, ins- besondere die Medizin und Psychiatrie instrumenta- lisiert. Die Anti-Onaniekampagne – um ein inhalt- liches Beispiel zu nennen – war im 18. Jahrhundert zunächst ein rein medizinisches, präventiv gemeintes Programm, das von der Pädagogik der Philanthro- pen aufgegriffen und in Erziehung umgesetzt wurde. Die praktischen Folgen hatten wiederum Kon- sequenzen für die Medizin, speziell für die Psychia- trie. In der Folgezeit wurden nämlich Ärzte mit vie- lenKrankheitsbildernkonfrontiert, die offensichtlich Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art127, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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