Handbuch 5. Auflage

1396  Soziale Arbeit auf dem Land Von Stephan Beetz und Heide Funk Soziale Arbeit hat – wie andere Disziplinen auch – ihre eigenen Professionalisierungswege durchlaufen und entsprechende Standards gesetzt. Diese be- anspruchen in der Regel eine Gültigkeit, die sich nach fachwissenschaftlichen Diskursen richtet. Dieser Artikel stellt demgegenüber die Besonder- heit ländlicher Räume und der hier verorteten So- zialarbeit heraus. Dies meint nicht, im Sinne der allgemeinen Angleichung von Lebensbedingungen gleiche Strukturen zu schaffen, sondern eigene Wege zu beschreiten: Professionalität entsteht im reflexiven Umgang mit der eigenen Arbeitssitua- tion, mit den regionalen Bedingungen und mit den Zielgruppen und deren Lebenssituationen. Das Land in der gesellschaftlichen Wahrnehmung Die herkömmlichen Definitionen des Landes orientieren sich an der geringen Besiedlungs- dichte, der Entfernung zu Siedlungszentren, dem offenen Landschaftsbezug und der relativ hohen Bedeutung der land- und forstwirtschaftlichen Produktion. Dies ist jedoch nur ein Aspekt der Beschreibung, ebenso wichtig ist es, die (sich da- raus ergebende) soziale Verfasstheit des Landes wie beispielsweise die geringere Dichte an Dienst- leistungen oder den „Not- und Terrorzusammen- hang“ (Jeggle / Ilien 1978) der sozialen Kontakte innerhalb des Dorfes, die sozialstrukturellen Be- sonderheiten und die speziellen Formen der Ver- gesellschaftung in den Blick zu nehmen (Beetz / Laschewski 2008). Von Beginn der Modernisierung an entstand paral- lel zur Abhängigkeit des Landes von wirtschaftli- chen Zentren die Ideologisierung des Stadt-Land- Gegensatzes; man schrieb dem Land einerseits eine besondere Rückständigkeit, Minderwertigkeit oder Gewalttätigkeit zu, andererseits galt das Land als heile Welt, die vor den Gefährdungen durch die Moderne verschont bleiben könnte. Dies hatte zur Konsequenz, dass der Blick auf die realen Lebens- bedingungen auf dem Land oft verstellt war und noch ist (Beetz / Laschewski 2008). Eine weitere Folge war, dass die schnell wachsenden Städte zum Gegenstand von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit wurden, während das Land als harmonisch und gesund angesehen wurde. Die ländlichen Lebens- krisen und ihre Regulierung wurden vernachlässigt. Zwar war das Land immer wieder Gegenstand her- vorragender empirischer Untersuchungen (Von- derach 2001), aber erst wieder ab Ende der 1970er Jahre wurden die Eigenheiten, Krisenerfahrungen und Widersprüche Gegenstand von Untersuchun- gen (Schmals /Voigt 1986). Ländliche Lebens- und Wirtschaftszusammen- hänge sollten in der Bundesrepublik bis in die 1980er Jahre sozialpolitisch mit dem Konzept der nachholenden Entwicklung modernisiert werden (Schmals /Voigt 1986). Die erfolgreiche Moderni- sierung des Landes, der Landwirtschaft, der Ver- kehrswege, der regionalen Industrie folgte dem heute aufgegebenen Förderkonzept der „flächen- deckenden Industrialisierung“ (Planck / Ziche 1979). Das Entwicklungskonzept der funktions- räumlichen Arbeitsteilung (z. B. inWohnregionen, Erholungsregionen, regionalen Unterzentren, Oberzentren) sollte zugleich regionaler Eigenstän- digkeit und gegenseitiger Verflechtung Rechnung tragen. Das Dorf gab viele Funktionen an regio- nale Zentren ab (Bildungs-, Kultur- und Fitnes- seinrichtungen, Shopping-Zeilen). Aber dem Ver- lust von Arbeitsplätzen in Landwirtschaft und Industrie sowie der Abwanderung stand ein neuer Aufbruch gegenüber. Neue Bewohner sind hinzu gekommen: Es entstanden die Neubausiedlungen der Wohn- und Schlaforte der Pendler. Die Neu- Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art130, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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