Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit auf dem Land 1397 zugezogenen suchten im Dorf über Ehrenamtlich- keit Anschluss und gehörten dennoch nicht ganz dazu. Status-Hierarchien haben sich durch den Zuzug aus den Großstädten über- und ausgelagert. Es gab aber nicht nur eine sog. Sub- und Counter­ urbanisierung, sondern auch ein Wachstum von Arbeitsplätzen in vielen ländlichen Gebieten (Bade 1997). Der Begriff ländliche Region im engeren Sinne bleibt bestimmten agrarisch-geprägten Sied- lungen mit geringer Verdichtung, vor allem in „ballungsgebietsabgewandten Regionen“ vor- behalten (Rudolph 1998). Die Beschreibung ländlicher Regionen als soziale Räume eigener Art erscheint deshalb heute man- chen Sozialwissenschaftlern obsolet, Stadt-Land- Unterschiede werden oft nicht mehr berücksich- tigt. Denn bei genauer Betrachtung vervielfältigten sich die sozialräumlichen Kontexte und innerregio- nalen Segmentierungen: Neubaugebiete auf dem Land, ländliche Gebiete in der Spannung zu städti- schen Zentren und abseits von Ballungsgebieten, neue Linien innerregionaler Segregation. Ange- sichts dieser Unübersichtlichkeit, Widersprüchen und Spannungen stellt sich die Frage nach subjek- tiver sozialräumlicher Erfahrung und Verortung von „Ländlichkeit“. Fragen der Sozialen Integration /Desintegration, der Verortung und Bearbeitung sozialer Probleme werden in den Sozialwissenschaften vorrangig bzw. allein für städtische Räume behandelt. Die Integra- tion erscheint auf dem Land einfacher und rigider: Es wird eine höhere soziale Kontrolle durch die Überschneidung von Lebensräumen betont, aber man unterschätzt oft das Leben zwischen den Wel- ten (z. B. bei neu Zugezogenen, städtisch orientier- ten Bewohnern). Zwar bleibt für die regional Ver- orteten der Zwang zur Rückvermittlung ins (dörfliche) Milieu bestehen, aber unter dem Ein- fluss des Funktionswandels ländlicher Räume wer- den gleichzeitig modernisierte, sich scheinbar un- begrenzt erweiterbare Ansprüche in die regionalen Lebenszusammenhänge hinein getragen. Hinzu kommt die Mehrdeutigkeit und Widersprüchlich- keit von „ Tradition “: die Aufwertung ländlicher Räume einerseits, die Vernachlässigung und Ent- wertung von Personen ohne besonderen Status wie z. B. Jugendliche andererseits. Denn das Land ist seit langem nicht mehr nur von Tradition geprägt. Auch können Traditionen nicht im einfachen Ge- gensatz zur Modernisierung gesehen werden: Tra- ditionen werden immer wieder hergestellt und übernehmen heute vielseitige Funktionen der Auf- wertung und Regulierung des Zusammenlebens im Dorf und in der Kleinstadt. Gerade im beschleu- nigten sozialen Wandel entstehen Brüche und Konflikte im Lebensraum, die zerstörerisch wirken, aber durch ritualisierte Formen des Zusammen- lebens aufgefangen und auch ausgeblendet werden können. Das Leben zwischen zwei Welten enthält heute mehr Brüche und Anforderungen an Ver- mittlung als der einfache Gegensatz suggeriert (Herrenknecht 2000). Der Blick auf die Eigenständigkeit des Landes wurde in der Regionalpolitik durch Konzepte ei- genständiger Entwicklungspotenziale bzw. endoge- ner Entwicklung umgesetzt. Z. B. führten die Leader-Programme – so unzureichend sie sein mö- gen – zu zahlreichen Entwicklungsimpulsen außer- halb der Landwirtschaft. In eine ähnliche Richtung weisen Überlegungen, die Besonderheiten in den Lebenslagen und -bedürfnissen der Landbewohner mit dem Konzept der Lebensqualität zu erfassen (Barlösius et al. 2008). Diese Ansätze beruhen zwar weiterhin auf dem Grundsatz der Gleichwertigkeit der Lebensbedingungen in allen Regionen, strei- chen aber gleichzeitig heraus, dass dies spezifische Lösungen erfordert. Ländliche Regionen sind nicht per se ökonomisch, politisch, zivilgesellschaftlich oder infrastrukturell benachteiligt bzw. abhängig. Aber einige ländliche Regionen – vor allem in Ostdeutschland – leiden unter mangelnden beruflichen Chancen. Eine Bleibe-Orientierung ist entsprechend mit Verzicht und neuen Gefährdungslagen erkauft. Schien dies zunächst charakteristisch für den Transformations- prozess zu sein, so zeigen sich ähnliche Entwick- lungen in westdeutschen ländlichen Gebieten: nicht wenige ländliche Regionen sehen sich (er- neut) mit Vorgängen der Peripherisierung kon- frontiert (Beetz 2008). Anforderungen an Soziale Arbeit Die Spannungen und Widersprüche in der Ent- wicklung des Landes zeigen Folgen für die Defini- tion Sozialer Probleme: Es gilt, die in den Regionen entstehenden ■ ■ neuen Konflikt- und Gefährdungslagen zu benennen: z.B.

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