Handbuch 5. Auflage

1404  Soziale Arbeit im virtuellen Raum Von Nadia Kutscher Neue Medien haben seit den 1990er Jahren Einzug in die Soziale Arbeit gehalten (Cleppien / Lerche 2010). Computer und Internet sind mittlerweile in verschiedener Hinsicht Teil der Lebenswelt sowohl von AdressatInnen als auch von Professionellen (Ley / Seelmeyer 2008) der Sozialen Arbeit gewor- den, Onlineberatung etabliert sich zunehmend und Entwicklungen wie Web 2.0 erfahren viel Auf- merksamkeit (Schorb et al. 2008). Der virtuelle Raum als Raum sozialer Dienstleis- tungserbringung weist Kontinuitäten und Diskon- tinuitäten zur Sozialen Arbeit im face-to-face-Zu- sammenhang außerhalb des Internet auf. Die Nutzung des Internet wird zwischen Befürchtun- gen und Gefahren einerseits und Technikeuphorie und Demokratisierungsthesen andererseits thema- tisiert. Im Zuge der Verbreitung des Mediums in der Sozialen Arbeit werden schon früh Risiken wie Datenmissbrauch, die Einschränkung der Bezie- hungsebene zwischen Professionellen und Adressa- tInnen, Deprofessionalisierung, die „Ökonomisie- rung des Sozialen“ aber auch eine Überforderung von Professionellen wie AdressatInnen angesichts der Informationsflut im Netz oder auch die „Aus- grenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen“ ver- mutet (Wittenberg et al. 2000, 23 ff.). In prakti- scher und politischer Hinsicht werden darüber hinaus Fragen des Daten- und Jugendschutzes so- wie der Bedeutung von Onlinesucht kontrovers diskutiert (Völter 2009; Reinecke /Trepte 2008). Zum anderen wird die Einführung des Internet als Erweiterung von Informations- und Kommunika- tionsmöglichkeiten zwischen Professionellen und Klientel sowie von Zugangsoptionen und Auto- nomie für AdressatInnen, als Optimierung für Vernetzung auf der Organisations- und Professi- onsebene und nicht zuletzt als Mittel für Rationa- lisierung und Effizienzsteigerung betrachtet (Stahlmann 1999; Althoff 2000). Im Kontext or- ganisationaler Prozesse ist die Rationalisierung professionellen Handelns zunehmend beobacht- bar, allerdings steht der Einsatz von Computer und Internet hierbei in engem Zusammenhang mit Managerialisierungsentwicklungen professio- neller Praxis auch unabhängig von Medien. In diesem Kontext befördern mediale bzw. techni- sierte Strukturen Effektivierungsbestrebungen, auch im Kontext evidenzbasierter Praxis (Watson 2003, 57), die aus professions- und gesellschafts- theoretischer Perspektive kritisch zu analysieren sind (Webb 2003). Diskurse um Internet und Soziale Arbeit zeigen ei- nige inhaltliche Konstanten, u. a. Fragen der Ver- änderung von Kommunikation (Döring 2003), der Zugänglichkeit von Informationen (Pleace et al. 2003; Hänsgen 2004), der Zunahme an Selbsthil- festrukturen und der Veränderung des Verhältnisses zwischen Professionellen und AdressatInnen Sozia- ler Arbeit (Ott / Eichenberg 1999; Hardey 2003, 218; Klein 2008), Implikationen für Identitätsdar- stellung und -entwicklung (Thimm 2000; Döring 2003, 325 ff.; Tillmann 2008), nach dem Verhält- nis und den (Neu-)Dimensionierungen von Raum, Zeit und der Determiniertheit von Handeln durch Technik (Beck 2003) sowie anthropologische Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Maschine bzw. Wirklichkeit und Medium oder neuen Gesellschaftsformen (Levy 2001; Castells 2003) und die Diskurse um und Forderungen nach der Vermittlung von Medienkompetenz (Baacke 1996; Poseck 2001). Unter einer bildungs- und gesellschaftstheoreti- schen Perspektive wird die Frage der Teilhabechan- cen im Kontext der sog. „Wissens-„ (Bittlingmayer 2001) bzw. „Informationsgesellschaft“ (Castells 2003) thematisiert. Hierbei werden unterschiedli- che Perspektiven diskutiert: subjektbezogene An- eignungsprozesse im Selbst- und Weltverhältnis Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art131, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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