Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit im virtuellen Raum 1405 sowie kompetenz- und ökonomisch-verwertungs- orientierte Ansätze (de Haan / Poltermann 2002). In beiden Fällen wird dem Internet eine hohe Bil- dungsbedeutsamkeit zugeschrieben. Die hier angedeuteten Entwürfe vonWissensgesell- schaft, die jedoch gleichermaßen die Annahme teilen, dass die Verfügbarkeit, Zugänglichkeit und Verwertbarkeit von Wissen für gesellschaftliche Teilhabe bedeutsam ist, konfrontieren auch Soziale Arbeit als Akteurin im medialen Bildungskontext mit der Frage, inwiefern sie diese Widersprüche reflektiert. Dimensionen des virtuellen Raums Verschiedene AutorInnen setzen sich mit der Frage auseinander, inwiefern dieser unabhängig von oder in spezifischen Relationen zum sog. „realen“ Raum, d. h. einer Realität außerhalb des Internet, gedacht werden kann (Castells 2003; Funken / Löw 2003) und kommen weitgehend zu dem Schluss, dass der „virtuelle“ nicht unabhängig vom „realen“ Raum gedacht werden kann, vielmehr letzterer ersteren deutlich in seinen Ausprägungen beeinflusst und hier wie dort Aushandlungen von Machtverhält- nissen stattfinden. Tillmann bezeichnet Medien als „Konstrukteure von Identitätsräumen“, die „durch dominierende Inhalte und spezifische Interaktionsformen und Machtrelationen, Ein- und Ausschließungsprozesse sowie Partizipationsprozesse realisiert“ werden (Tillmann 2008, 94 f.). Einflussfaktoren auf die Ausgestaltung von Medienräumen sind dabei das sozialräumliche Umfeld sowie strukturelle und persönliche Faktoren wie Bildungshintergrund, Alter, der Wunsch nach Authentizität und soziale Unterstützungsleistungen. Prozesse und Strukturen der Ausdifferenzierung von Räumen im Internet können nach Harvey in den Kategorien absoluter („Container“, durch eine klare Grenzziehung unterscheidbar von an- deren Räumen, z. B. eine Website), relativer (per- spektivenabhängig, verbunden mit der Positionie- rung des Akteurs im sozialen Raum z. B. durch Nutzungswege) und relationaler („Beziehungs- raum“, Repräsentation von Raum durch Themen und Ausdrucksformen z. B. in Beratungsforen) Raum systematisiert werden (Harvey 2004 und 2005). Somit kann auf der Basis einer Dualität von Struk- tur und Handeln (Löw 2007) geschlossen werden, dass das kommunikative Handeln von NutzerInnen (und AnbieterInnen) die Ausdifferenzierung von Räumen im Internet (mit-)konstruiert und die sich daraus ergebenden Kommunikations- und Mög- lichkeitsstrukturen innerhalb der jeweiligen Inter- netangebote das darin stattfindende Handeln eben- falls wiederum strukturieren (Kutscher 2009b). Virtuelle Soziale Arbeit Internet und Computer sind mittlerweile in ver- schiedener Hinsicht (nicht nur) als Medien der Sozialen Arbeit präsent – in der Beratung (Warras 2009; Klein 2009), für die Organisation von Betei- ligung und Kooperation (Kubicek et al. 2009), in Selbsthilfekontexten (Döring 1997; Klein 2008), in der Diagnostik (Poguntke-Rauer et al. 2007) sowie zur Dokumentation und Evaluation von Ar- beitsabläufen ( → Ley / Seelmeyer, Informations- technologien in der Sozialen Arbeit). Diskurse um computervermittelte Kommunika- tion (CvK) rekurrieren auf die Frage, inwiefern die „Kanalreduktion“, d. h. die Reduzierung sinn- licher Reize in der verbal-schriftlichen Kommuni- kation den Ausdruck von Gefühlen, die Herstel- lung von Intimität oder die Vermittlung sinnlicher Eindrücke behindert (kritisch: Döring 2003, 154). Die ähnlich diskutierte „Filterthese“ (Kies- ler et al. 1984), dass das Fehlen sozialer Hinweis- reize in der textbasierten Kommunikation zu einer Nivellierung sozialer Hierarchien und einer Ent- hemmung der Kommunikation bis hin zum Fla- ming führt (Sproull / Kiesler 1986), ist ebenfalls zu differenzieren: Während letzteres zutrifft, zei- gen empirische Studien, dass innerhalb der CvK offensichtlich eine Reihe von Hinweisen zur so- zialen Kontextualisierung der NutzerInnen ver- fügbar ist, so dass über kommunikative Prozesse und Nutzungsprozesse eine soziale Ausdifferenzie- rung innerhalb des Internet bis hin zu Schlie- ßungsprozessen erfolgt (Tillmann 2008; Klein 2008, 145 ff.). Die prinzipielle Anonymität der CvK, die faktisch nur auf der Grundlage eigener Entscheidungen der NutzerInnen durchbrochen werden kann, wird weitgehend als Chance für Onlineberatung eingeschätzt. Auch wenn Thesen der Nivellierung von Ungleichheiten (Götz 2003,
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