Handbuch 5. Auflage
1408 Kutscher schaftlicher Teilhabe und die Erweiterung von Handlungsmöglichkeiten für AdressatInnen ein- nehmen kann. 3) Die Technisierung des Zugangs beispielsweise zu Onlineberatung verändert das Erbringungsverhält- nis Sozialer Arbeit insofern, dass die Autonomie der AdressatInnen in der Beratungs-Zusammenarbeit in besonderem Maße zunimmt. Sie können sich prinzipiell leichter einem Hilfeprozess entziehen und Professionelle sind vor diesem Hintergrund deutlich anders gefordert, adressatInnenbezogen reflexiv und kontakterhaltend zu handeln (Verein Wiener Sozialprojekte 2006, 10 f.). Besonderheiten der Online-Angebote Sozialer Arbeit sind eine prinzipielle Erweiterung der zeitlichen Erreichbar- keit, des Einbezugs von Peers und damit der unter- schiedlichen Unterstützungs-, Kommunikations- und Beteiligungsrollen, eine erhöhte Autonomie der AdressatInnen in der Gestaltung des Kontakts und die Möglichkeiten einer erhöhten self-disclo- sure. Insgesamt stellen sich jedoch im face-to-face- wie im Onlineberatungskontext weitgehend ähn- liche Fragen, d. h. wer wird wie erreicht, welche Themen treffen die Bedarfe der NutzerInnen, wie professionell sind die Beratenden bzw. wie seriös ist die Qualität der Informationen und wie reflektie- ren Professionelle das Habitus-Feld-Problem (Bier- mann 2009) in der Gestaltung von Angeboten und Kommunikation im Internet. Allerdings stellt die Entlokalisierung des Angebots im Internet andere Anforderungen an die Weitervermittlung von AdressatInnen im Sinne einer „Re-Lokalisierung“ sofern eine face-to-face-Beratung erforderlich scheint. Ausblick Aus einem professionstheoretischen Blickwinkel zei- gen sich vor dem Hintergrund der dargestellten Erkenntnisse und Phänomene verschiedene He- rausforderungen. Die Weiterentwicklung des Fel- des von Onlineberatung wie von Informations- und Bildungsarrangements, im Kontext des virtuellen Raums, erfordert eine Perspektivenver- schiebung von der Wirkungsfrage hin zu einer dif- ferenzierten Reflexion von Qualität und Zielgrup- penerreichung (Iske et al. 2008, 220). Vor diesem Hintergrund geraten Fragen der zielgruppenbezo genen Angebotsgestaltung sowie die Wahrnehmung und Reflexion von Schließungsprozessen – sowohl AnbieterInnen- als auch NutzerInnenseitig – ver- stärkt in den Blick. Die Reflexion eigener Medien- erfahrung und -habitus sowie die Entwicklung einer Medienkompetenz auf Seiten der Professio- nellen (Gerö 2008) und die Aneignung vonWissen über Medienhandeln und -kontexte der Zielgrup- pen (Kutscher et al. 2009, 92 ff.) sind dabei bedeut- sam. Eine andere Herausforderung liegt in der Ungleich- heitsreproduktion im Rahmen virtueller Angebote Sozialer Arbeit (Benke 2009). Auf Medienkom- petenz rekurrierende Diskurse bedürfen einer kriti- schen Auseinandersetzung hinsichtlich der Frage, inwiefern sie dabei ungleichheitssensibel Bildungs- prozesse und -ziele reflektieren (Hacke/Welling 2009, 10; Kutscher 2009a) – auch in der Aus- und Weiterbildung von sozialpädagogischen Fachkräften (Kutscher et al. 2009; Welling/Brüggemann 2004). Aus einer forschungsbezogenen Perspektive liegen zwar mittlerweile eine Reihe von Studien zur Me- diennutzung vor, jedoch stehen differenzierte Ana- lysen des Verhältnisses von Habitus und Feld in der Mediennutzung von Zielgruppen wie auch von Professionellen – abgesehen von wenigen Ausnah- men (Welling 2008; Brunner 2009) – noch am Anfang. Gerade dieser Gegenstand bedarf neben der breiten Empirie einer weitergehenden theo- retischen Fundierung. Die bislang verfügbaren Erkenntnisse zur Bedeu- tung kulturellen und sozialen Kapitals in der Me- diennutzung sowie die virtuellen Dienste in der Sozialen Arbeit wären hinsichtlich der Entwick- lungen um Social Networks, Web 2.0 und portable Medien zu erweitern um sowohl Exklusionspro- zesse im Kontext technischer Innovationen weiter zu beobachten aber auch für die Gestaltung un- gleichheitsüberwindender pädagogischer Arrange- ments zu nutzen (Kutscher /Otto 2005), hierbei auch als Weiterentwicklung der NutzerInnenfor- schung (Paus-Hasebrink 2009) mit Blick auf das Verhältnis von institutionellen Angebotsstrukturen und professionellen Praxen (Schmidt et al. 2005, 7; Webb 2003). Im Kontext der Ausdifferenzierung von Fragestel- lungen unterliegt auch die Methodik und Metho- dologie der Onlineforschung in der Sozialpädago- gik einer permanenten Weiterentwicklung. So gibt es bislang u. a. Ansätze der „Online-Ethnographie“ (Marotzki 2003) wie „Surfinterviews“ (Kutscher
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