Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit im virtuellen Raum 1407 ermöglichen (Mandl et al. 1995, 168 ff.; Röll 2009) bzw. sowohl im Rahmen explizit pädagogischer Angebote wie auch im Alltagskontext von Medien- nutzung eine Veränderung des dreifachen Weltver- hältnisses (Nieke 2008, 164 f.; Meder 2008, 236 f.) möglich wird. Die Reflexivität und Performativität von Bildungsprozessen im medialen Kontext ist dabei ebenfalls Gegenstand bildungstheoretischer Diskurse (Jörissen 2007; Meder 2008, 228 ff.; Nie- syto 2009, 10). Die Auseinandersetzung um die Bildungsbedeut- samkeit des Internet ist gleichzeitig auch innerhalb der Debatten um Medienkompetenz (Baacke) ver- ortet (Schäfer / Lojewski 2007; Kutscher 2009a). Dabei wird u. a. der Widerspruch zwischen sub- jektiv-eigenlogischer Aneignung und gesellschaft- lich verwertbarer Wissensakquisition thematisiert (Hacke /Welling 2009, 2 ff.). Vor diesem Hinter- grund sind auch technikdeterministische Perspek- tiven auf Bildung und Aneignung zu hinterfragen (Tully 2004, 153), die den formalen Strukturen und Inhalten des Internet ein Demokratisierungs- und Bildungspotenzial teils verbunden mit weit- gehenden Gesellschaftsutopien (Palfrey /Gasser 2008) zuschreiben. Grundfragen Die Bedeutung des virtuellen Raums für Soziale Arbeit kann unter verschiedenen Aspekten reflek- tiert werden. Drei zentrale Themenfelder sollen hier betrachtet werden. 1) Die Frage der Qualität Sozialer Arbeit im Kontext von Internetangeboten wird in der Literatur weit- gehend auf formaler Ebene (z. B. technische Usabi- lity, Wirksamkeit) und vielfach entkontextualisiert diskutiert (Arnold 2003; Knatz 2006). Vor dem Hintergrund eines relationalen Qualitätsverständ- nisses, das die Rahmenbedingungen der Nutzung sowie die Passungsverhältnisse zwischen Angebot und NutzerInnen reflektiert, stellen sich zwei Fra- gen: a) welche Zielgruppen sollen das Angebot nutzen und b) welche Anforderungen ergeben sich aus ihren Nutzungsgewohnheiten, -möglichkeiten und -präferenzen um auch die Nutzbarkeit des An- gebots in Relation zu avisierten Zielgruppen und deren Möglichkeiten im Spannungsfeld von „for- mal access“ und „effective access“ (Wilson 2004) in den Blick zu nehmen. 2) Soziale Ungleichheit und Benachteiligung bilden sich – wie mittlerweile eine Reihe empirischer Stu- dien zeigt (Cleppien /Kutscher 2004; Livingstone et al. 2004; Zillien 2006; Kompetenzzentrum In- formelle Bildung 2007; Wagner 2008; Niesyto 2009) – auch innerhalb des Internet ab. Während die digitale Spaltung als Zugangskluft weitgehend überwunden scheint, zeigt sich als wirkmächtigeres Phänomen eine Spaltung zweiter Ordnung als „ Di- gitale Ungleichheit “ (vgl. Hargittai /DiMaggio 2001). Sie bezeichnet – über die „Wissenskluft- hypothese“ (Bonfadelli 1994) hinausgehend – Un- gleichheiten innerhalb der Mediennutzung, die auf die Verfügbarkeit von Offline-Ressourcen wie öko- nomisches, kulturelles und soziales Kapital (Bour- dieu 1997) als prägende Faktoren für Präferenzen, habituelle Fähigkeiten und strukturelle Möglich- keiten in der Mediennutzung verweisen. Die mediale Funktion des Internet als „Pull-Me- dium“ ist abhängig von den Aufmerksamkeits- und Navigationsentscheidungen der NutzerInnen. Sie realisiert sich erst in der Nutzung, so dass inner- halb der neuen Medien eine kulturelle und soziale Differenzierung entsteht (Iske et al. 2007, 66 f.; Pietrass /Ulrich 2009). Diese Entscheidungen er- folgen vor dem Hintergrund von eigenen (sozial kontextualisierten) Interessen, Wissen, Fähigkeiten und Möglichkeiten. In diesem Zusammenhang bilden sich habitualisierte Nutzungspraktiken he- raus, die in einem jeweils unterschiedlichen Nut- zungsspektrum resultieren. Die dabei entstehenden ungleichen Nutzungsweisen bedingen wiederum Beteiligungsungleichheiten innerhalb des virtuel- len Raums („Voice Divide“ – Klein 2008, 511 ff.). Die materiellen, kulturellen und sozialen Ressour- cen, die NutzerInnen außerhalb des Internet zur Verfügung stehen erweisen sich hierbei als ebenso relevant wie die Erfahrungen, die AdressatInnen innerhalb des Internet als Feld machen. Vor diesem Hintergrund gewinnt Soziale Arbeit an spezifischer Bedeutung, sofern sie ihre Aufgabe darin versteht, weiterführende Ressourcen für diejenigen, die dro- hen, durch diese Mechanismen „abgehängt“ zu werden, zu eröffnen. Ziegler (2003) und Klein (2008) verweisen auf die Bedeutung sozialen Ka- pitals in seinen Ausdifferenzierungen und arbeiten heraus, dass Soziale Arbeit als Eröffnung von Ver- knüpfungskapital (Klein 2008, 174) auf der Grundlage schwacher Bindungen dabei eine ent- scheidende Rolle für die Ermöglichung gesell-
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