Handbuch 5. Auflage

1412  Soziale Arbeit in Afrika Von Helmut Spitzer Das Spektrum Sozialer Arbeit in Afrika ist überaus komplex und heterogen. Der südliche Nachbar- kontinent umfasst 53 Staaten, deren gesellschaftli- che Strukturen, politische Systeme, soziale Pro- blemlagen, ökonomische Entwicklungen und vielfältige Kulturpraktiken sich zum Teil erheblich voneinander unterscheiden. Prozesse von kulturel- lem Wandel, rapider Modernisierung und „post- kolonialer Transformation“ (Neubert 2002) ver- laufen länderspezifisch und regional äußerst unterschiedlich. Viele Regionen sind von einer Pa- rallelität von länderübergreifenden, durch koloniale Grenzziehung künstlich getrennten Bevölkerungs- strukturen und damit verknüpften Zugehörigkeits- merkmalen und Konfliktlinien einerseits und einer ausgeprägten innerstaatlichen kulturellen, eth- nischen, religiösen und sprachlichen Diversität an- dererseits gekennzeichnet. Der Kontinent weist krasse geographische, ökologische und klimatische Gegensätze auf, die sich maßgeblich auf die Le- bensbedingungen der Menschen in den unter- schiedlichen Regionen auswirken. All diese Fak- toren beeinflussen den jeweiligen Stand Sozialer Arbeit in Ausbildung, Theorie und Praxis. Struk- turbedingungen und Herausforderungen Sozialer Arbeit in einem Land wie Ruanda, das einen Völ- kermord aufzuarbeiten hat, unterscheiden sich zum Beispiel elementar von den Anforderungen an die Profession im Nachbarland Tanzania, das sich nach dem historischen Experiment eines „afrikanischen Sozialismus“ jäh mit den Auswirkungen einer radi- kalen kapitalistischen Gesellschaftsausrichtung konfrontiert sieht. Kurzum, es ist nicht möglich, von der Sozialen Arbeit in Afrika zu sprechen. Ein gemeinsames Strukturmerkmal in den afri- kanischen Ländern ist die historische Gegebenheit, dass sich Soziale Arbeit als Hypothek der jeweiligen kolonialen Sozialsysteme herausgebildet hat. Heute befindet sich die Profession in einem Spannungs- feld zwischen importierten Theorien, Konzepten und Methoden und indigenen Praxisansätzen (Asa- moah 1997). Soziale Arbeit stellt sich in den meis- ten afrikanischen Ländern als junges Ausbildungs- und Praxisfeld dar, das um Anerkennung ringt, sich um ein eigenes Profil bemüht und sich mit schier unüberwindlichen sozialen Problemen kon- frontiert sieht. Historische Entwicklungslinien Entgegen inzwischen als überholt geltenden Auf- fassungen von Afrika als einem „geschichtslosen Kontinent“ mit einer ausgeprägten „historischen Passivität“ ist von zahlreichen vorkolonialen Hoch- kulturen und großen afrikanischen Königreichen auszugehen, die über ausdifferenzierte soziale Or- ganisationsformen verfügten (Ki-Zerbo 1981). Afrikanische Gesellschaften sind auch nicht sta- tisch und unveränderlich gewesen, sie haben kon- tinuierlich neue Formen der Organisation des Überlebens und des Zusammenlebens entwickelt und waren komplexen historischen Entstehungs- und Transformationsprozessen und einem ständi- gen sozialen Wandel unterworfen (Harding 1994, 85). Besondere Erwähnung muss die dunkle Epo- che des Sklavenhandels mit seinen transatlanti- schen, orientalischen und innerafrikanischen Aus- prägungsformen finden. Die millionenfache Verschleppung von Männern, Frauen und Kindern hatte langfristige traumatische Auswirkungen auf die Identität der Menschen, die Sozialstrukturen, familialen Lebensformen und Geschlechterbezie- hungen in den afrikanischen Gesellschaften (Grau et al. 1997). In vorkolonialer Zeit wurden soziale Probleme wie Armut, Krankheit oder Tod in erster Linie innerhalb des erweiterten Familiensystems im Kontext von Lineage- und Clanstrukturen Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art132, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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