Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit in Afrika 1413 bearbeitet (Rwomire / Raditlhokwa 1996, 6). Da- bei spielten verschiedene Formen von Austausch- beziehungen, reziproke Hilfeleistungen, Solidari- tätsverpflichtungen und durch Heirat vermittelte Allianznetzwerke eine bedeutsame Rolle (Biel 2002, 11 ff.). Diese gemeinschaftlich und ver- wandtschaftlich organisierte Solidarität und Unter- stützung tragen auch in der Gegenwart einen gro- ßen Teil zum Überleben der Menschen bei und sind insofern ein maßgeblicher Anknüpfungs- punkt für Soziale Arbeit. Durch das Aufkommen der Kolonialisten wurden diese traditionellen Soli- daritätsnetzwerke und komplexen sozialen Bezie- hungsgefüge empfindlich gestört und in weiterer Folge bekämpft bzw. sukzessive vom kolonialen Verwaltungsapparat überformt. Den afrikanischen Gesellschaften wurden fremde Institutionen über- gestülpt, die in den Lebensalltag der lokalen Bevöl- kerungen hineinwirkten und sich größtenteils konträr zu bestehenden kulturellen und sozialen Organisationsmustern verhielten. Die gewaltsame koloniale Praxis war in komplexer Weise darauf ausgerichtet, Gemeinschaften und Individuen zu disziplinieren und sich in die Lebenswelten der Kolonisierten einzuschreiben (Dilger / Frömming 2004, 8). Mit der Herausbildung kapitalistischer Produktionsverhältnisse wurden in der Folge Me- chanismen ausgelöst, die zur teilweisen Zerstörung der subsistenzbasierten Existenzgrundlage vieler Menschen, zur Abwanderung überwiegend männ- licher Arbeitskräfte und damit zu weiteren gravie- renden Veränderungen der Familienstrukturen ge- führt haben (Grau et al. 1997, 153 ff.). Die geschichtlichen Wurzeln moderner Sozialer Arbeit auf dem afrikanischen Kontinent sind im Prozess der allmählichen Herausbildung einer ko- lonialen Sozialplanung zu verorten. Dabei waren für die jeweilige Kolonialadministration die Pro- bleme der einheimischen Bevölkerung nur von ge- ringem Interesse. Es galt vielmehr, die eigenen Wirtschaftsinteressen und die Beschaffung von Ar- beitskräften zu forcieren, und in diesen Dienst wurden auch sozialpolitische Bestimmungen und Maßnahmen gesetzt (Biel 2002, 32 ff.). Die Ein- führung europäisch ausgerichteter Wohlfahrtssys- teme war gewissermaßen eine Begleiterscheinung der allgemeinen Zielsetzung, die kolonisierten Ter- ritorien mit den Errungenschaften der Zivilisation zu beglücken (Cox / Pawar 2006, 5 f.). Neben den jeweiligen Kolonialstrukturen waren es die Missio- nare, die in Afrika den Grundstein für westlich orientierte Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsys- teme legten. Das Zusammenspiel von Kolonialis- mus und Christianisierung durchdrang die Gesell- schaften der künstlich geschaffenen afrikanischen Staaten und ermöglichte das Weiterbestehen der etablierten Wirtschaftssysteme, Administrativ- strukturen und Bildungs- und Sozialinstitutionen nach der Unabhängigkeit (Midgley 1981, 40 ff.). Die ersten Ausbildungsstätten für Soziale Arbeit entstanden an den beiden entgegengesetzten En- den des Kontinents, in Südafrika 1924 und in Ägypten 1936 (Healy 2001, 22). Die eigentliche Ausbildungswelle setzte erst nach der afrikani- schen Unabhängigkeitsbewegung in den 1960er- Jahren ein. Dieser Prozess wurde hauptsächlich von den Vereinten Nationen und westlichen Sozialarbeitsschulen initiiert und gefördert. Dabei wurden viele afrikanische Lehrende in Europa und Nordamerika ausgebildet. Dort lernten sie die sozialen Verwaltungssysteme der Gastländer kennen, studierten europäische bzw. US-amerika- nische Sozialpolitik und übernahmen westliche Theorien und Methoden Sozialer Arbeit (Midgley 1981, 56 ff.). Damit wurde die Basis für einen Prozess geschaffen, den Midgley (1981) in seiner dependenz- und modernisierungstheoretisch aus- gerichteten Kritik als „professionellen Imperialis- mus“ bezeichnete. Dominanz westlicher Theorien im Ausbildungsbereich Auch wenn erste Versuche, genuin afrikanische Konzepte Sozialer Arbeit zu entwickeln, bereits in den 1970er-Jahren entstanden (Asamoah 1997, 304; Healy 2001, 35), kann davon ausgegangen werden, dass die Überformung der Ausbildungs- institutionen mit westlich orientierten Modellen nach wie vor andauert. Die bildungspolitische For- derung nach einer Höherqualifizierung für Leh- rende der Sozialen Arbeit zieht einen anhaltenden Trend zu akademischen Abschlüssen in Europa und Nordamerika nach sich. Ein solcher Master- oder Promotionsgrad bringt mehr Prestige als ein Abschluss an einer afrikanischen Universität, er- höht die persönlichen Beschäftigungs- und Beför- derungsmöglichkeiten oder eröffnet im Sinne des brain drain eine Gelegenheit zur Abwanderung in

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