Handbuch 5. Auflage
1418 H. Spitzer durch Ressourcen gemeinschaftlich und verwandt- schaftlich organisierter Unterstützungsnetzwerke bereitgestellt. Diese alltagssolidarische Praxis be- ruht auf dem Prinzip der Reziprozität, bei dem mit der Gabe oder Leistung die Erwartung einer Ge- gengabe oder Gegenleistung verbunden ist, und dient sowohl der kollektiven Sicherung der Lebens- grundlagen als auch dem Aufbau und Erhalt der Gruppenidentität (Steinwachs 2006, 159 ff.). Soziale Arbeit und Soziale Entwicklung Zu den wichtigsten Aufgaben Sozialer Arbeit in Afrika gehören die Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit (Biel 2005, 309). Solange sie nicht die Möglichkeit hat, sich effektiv mit den strukturellen Ursachen zu befassen, wird sie ledig- lich als Almosenverteiler in Erscheinung treten und das ihr anvertraute Klientel im Teufelskreis der Armut belassen (Rwomire / Raditlhokwa 1996, 13). Am Beispiel des sogenannten Straßenkinder- problems wird deutlich, dass staatliche, private und konfessionelle Akteure ihre konzeptuellen Zugänge auf Resozialisierungs- und Reintegrationsbemü- hungen konzentrieren, ohne auf den zugrunde lie- genden Ursachenkomplex von Armut, familiären Zusammenbruch und Landflucht Einfluss nehmen zu können (Spitzer 2006, 169 ff.). Um einen rele- vanten Beitrag zu gesamtgesellschaftlichen Ent- wicklungen leisten zu können, muss sich Soziale Arbeit in einem breiteren theoretischen Referenz- rahmen Sozialer Entwicklung verorten. Dieser An- satz geht davon aus, dass soziale Entwicklung ohne ökonomische Entwicklung nicht funktionieren kann, und dass Wirtschaftsentwicklung nur dann Sinn macht, wenn sie von Verbesserungen im Wohlergehen der Gesamtbevölkerung begleitet wird. Durch einen initiierten sozialen Wandel soll das Wohlergehen der Menschen in Verbindung mit einem dynamischen Prozess wirtschaftlicher Ent- wicklung gefördert werden (Midgley 1995, 23 ff.). Die Ausrichtung sozialer Entwicklungsprogramme ist besonders für einen afrikanischen Kontext von Bedeutung, zumal sie auf die Stärkung von Ge- meinwesenorganisationen, Kooperativen und an- deren lokalen und regionalen Initiativen und Ak- teuren abzielt. Methodisch soll dies durch Ansätze geschehen, mit denen die Fähigkeiten der Men- schen zur Beteiligung an der Wirtschaft gesteigert werden, z. B. durch Projekte zur Gründung von Kleinunternehmen, Investitionen in Beschäftigung und berufliche Selbstständigkeit sowie Mikrokre- ditprogramme, womit insbesondere Frauenkoope- rativen und dadurch Gendergerechtigkeit gefördert werden (Midgley 2007, 137). Hier zeigt sich die Relevanz dieses theoretischen Rahmens für die So- ziale Arbeit, der darauf abzielt, dass gesetzte ent- wicklungsorientierte Interventionen direkte Aus- wirkungen und unmittelbar erkennbare Vorteile für die Menschen vor Ort haben und sich nicht auf den Hoffnungsträger eines entwicklungspolitisch gedachten Trickle-down -Effekts stützen, der davon ausgeht, dass Investitionen im Wirtschaftssektor irgendwann zu den Massen der Armen durch- sickern und ihre Lebensbedingungen verbessern. In der Republik Südafrika hat sich dieser Ansatz Sozialer Arbeit auf breiter Basis durchgesetzt. Im Übergang vom System der Apartheid zur Demokra- tie mussten völlig neue gesellschaftliche Aufgaben bewältigt werden. Mit der Installierung einer Sozial- gesetzgebung in Form eines White Paper for Social Welfare wurde 1997 eine entwicklungsorientierte Order geschaffen, mit der historische Trennlinien zwischen Sozialpolitik und Sozialer Arbeit über- wunden und eine Verknüpfung wohlfahrtsstaatli- cher Maßnahmen auf Mikro- und Makroebene her- gestellt werden sollten (div. Beiträge in: Lutz 2003; Rehklau/Lutz 2006; Earle 2008; Lombard 2008). Im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern ist in Südafrika auch die curriculare Ausrichtung nach Konzepten und Methoden Sozialer Entwicklung am deutlichsten ausgeprägt (Hochfeld et al. 2009, 8). Fazit Soziale Arbeit in Afrika gilt als eine überforderte, unterbezahlte und extrem belastete Berufssparte (Rwomire / Raditlhokwa 1996, 12). Die Vertrete- rInnen der Profession sind oft selbst von den Pro- blemen betroffen, um die sie sich zu kümmern haben. Bei der 7. Panafrikanischen Sozialarbeits- konferenz in Uganda 2007 wurde eine Gedenk- minute für jene SozialarbeiterInnen abgehalten, die bei ihrem Einsatz in den diversen Konflikt- schauplätzen ums Leben gekommen sind. Sie ar- beiten in den Elendsvierteln und Slumgegenden der afrikanischen Großstädte, in gefährlichen
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