Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Afrika 1417 (2006) hat darauf hingewiesen, dass westliche Ge- sundheitskonzepte die soziale und kulturelle Di- mension der AIDS-Pandemie in afrikanischen Ge- sellschaften außen vor lassen und damit im Zusammenhang stehende Vorstellungen von Kör- perlichkeit, Gesundheit und Krankheit mit einem biomedizinischen Modell überformen. Mit der „Kondomisierung der Gesellschaft“ (Gronemeyer 2006, 132), gegen die vor allem die Kirchen wet- tern, werden kulturbedingte Fragen von Sexualität, Intimität, Reproduktivität und Geschlechterbezie- hungen ausgeblendet. Soziale Arbeit wird hier in gesundheitsbezogenen Fragen tätig und nimmt gleichzeitig einen komplexen Bildungsauftrag wahr. Dabei sollten in der Präventionsarbeit und in der Begleitung von Verlust- und Trauerprozessen kulturell bedeutsame Deutungsmuster und Bewäl- tigungsformen der betroffenen Menschen berück- sichtigt werden. Massenarmut, soziale Benachteiligung und man- gelnde Teilhabe- und Teilnahmemöglichkeiten breiter Bevölkerungsschichten in Afrika sind auch auf globale Zusammenhänge zurückzuführen. Un- gleiche weltwirtschaftliche Handelsbeziehungen, die wirtschaftspolitische Abhängigkeit afrikani- scher Staaten von den Industrienationen sowie die scheinbar unaufhaltsame Überschwemmung der Länder des Südens mit Produktionsmitteln, Kon- sumartikeln und Lebensstilen aus demWesten und Norden sind dazu zentrale Stichworte. Bei der Be- trachtung von Ursachen- und Wirkungsfaktoren von Armut und sozialer Ungleichheit in afrikani- schen Gesellschaften muss aber auch der Staat ins analytische Blickfeld rücken (Macdonald 2001, 27). Machtmissbrauch, Korruption, fehlende Re- chenschaftspflicht und hemmungslose Selbstberei- cherung von politischen Eliten und Bediensteten im Staatsapparat behindern Demokratisierungs- bestrebungen und die Herausbildung zivilgesell- schaftlicher Strukturen, stehen einem öffentlich- kritischen Diskurs im Wege und stellen insgesamt ein nicht unmaßgebliches Entwicklungshemmnis dar. In diesem Zusammenhang ist die Profession Sozialer Arbeit herausgefordert, sich politisch zu positionieren, um einen signifikanten Beitrag zur Lebenssituation benachteiligter Bevölkerungsgrup- pen zu leisten und auf die strukturellen Ursachen von Unterdrückung, sozialer Ausgrenzung und Armut Einfluss nehmen zu können (Sewpaul 2006; Mmatli 2008). Krisenhafte soziale Versorgungs- und Sicherungssysteme In den meisten afrikanischen Staaten können so- ziale Versorgungssysteme in den Bereichen Bil- dung, Gesundheit und soziale Sicherheit als krisen- haft charakterisiert werden. Eine steigende Anzahl von Haushalten muss für verschiedene Sozial- und Gesundheitsleistungen privat aufkommen, auch wenn diese staatlicherseits eigentlich unentgeltlich sein sollten. Die Strukturanpassungsprogramme von Weltbank und Internationalem Währungs- fond, die auf Wirtschaftswachstum und eine Libe- ralisierung der Märkte abzielten, führten in den betroffenen afrikanischen Ländern zu massiven Kürzungen bei den sozialen Diensten, im Schul- wesen und in der Gesundheitsfürsorge und trugen zu einer Steigerung der Armutsrate sowie zur Zu- nahme von Unterernährung und Krankheiten bei (Midgley 2007, 133). Zigtausende Sterbefälle von Kindern, die unter grundsätzlich heilbaren Krank- heiten wie Malaria, Masern und Durchfall leiden, sind auf den Umstand zurückzuführen, dass die notwendigen Medikamente und die erforderliche medizinische Behandlung für die Familien schlicht- weg nicht leistbar sind. Sozialpolitische Maßnahmen zur Risikoabsiche- rung wie z. B. eine funktionierende Arbeitslosen- oder Pensionsversicherung, wie sie für Europa als beinahe selbstverständlich gelten, sind für einen Großteil der BürgerInnen afrikanischer Staaten völlige Utopie. In einigen Ländern wurde die Frage sozialer Sicherheit von besonders vulnerablen Be- völkerungsgruppen auf die politische Agenda ge- bracht (Ellis et al. 2009), droht aber angesichts budgetpolitischer Zwänge, fehlenden politischen Willens und durch die hohen Rückzahlungsraten der Auslandschulden zum Lippenbekenntnis zu verkommen. Immerhin hat die Afrikanische Union soziale Sicherheit als Querschnittsthema in ihren verschiedenen Dokumenten und Strategien pro- klamiert und einen diesbezüglichen Aktionsplan verabschiedet (Schubert / Beales 2006). Für einen Großteil der afrikanischen Bevölkerung wird das Überleben weiterhin von informellen Unterstützungsleistungen und solidarischem Han- deln abhängen. Zuschüsse zu Schul- und Kranken- hausgebühren oder Gaben für gesellschaftliche Er- eignisse wie Hochzeiten und Beerdigungen werden
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