Handbuch 5. Auflage

1421 Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4az.art009, © 2013, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH & Co KG, Verlag, München Soziale Arbeit in den USA Von Michael Reisch Aus dem Amerikanischen übersetzt von Hans-Uwe Otto Die Folgen der globalen ökonomischen Krise ha- ben die Ziele und die Struktur des Allgemeinwohls in den USA verändert und stellen die Grundan- nahmen der praktischen Sozialen Arbeit infrage. Die Zunahme der Langzeitarbeitslosigkeit und der weitverbreiteten schweren Armut haben die Art der Arbeit wie die Zusammensetzung der Gruppe der KlientInnen, mit denen SozialarbeiterInnen zu tun haben, verändert. Die Aufmerksamkeit der politi- schen Entscheidungsträger, die eher auf der finan- ziellen Knappheit als auf den sozialen Defiziten liegt, wurde von einer Infragestellung langbeste- hender sozialstaatlicher Grundsätze und deren zu- grunde liegender Philosophie des Allgemeinwohls begleitet. Die Bundesregierung der USA in Wa- shington hat die Verantwortung für die Entwick- lung entsprechender Grundsätze und deren Imple- mentierung auf die Bundesstaaten übertragen. Weitere große Veränderungen betrafen den Aufga- benkatalog von Nichtregierungsorganisationen (NGO), d. h. wie und für wen soziale Dienste ge- leistet werden. Im Folgenden werden die Auswir- kungen dieser Veränderungen auf die Zukunft der Sozialarbeit in den USA diskutiert. Hunger als ein Symptom für sich ändernde menschliche Bedürfnisse Heutzutage werden in den USA, der reichsten Na- tion der Erde, wohlhabende Farmer und Agrarun- ternehmen dafür bezahlt, keine Nahrungsmittel zu produzieren. In einer Nation, die tonnenweise Getreide an geopolitische Gegner verteilt, leiden über 50 Millionen Menschen – einer von sechs Amerikanern – unter Hunger oder „Nahrungsin- suffizienz“, wie die unzureichende Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln in politischen Kreisen eu- phemistisch genannt wird. Hunger ist in Amerika jedoch kein isoliert auftretendes Phänomen. Es ist ein Symptom zunehmender und chronischer Pro- bleme, die sich seit den frühen 1980er Jahren zu sehr ernsten Themen in den USA entwickelt ha- ben. Den Problemen voran stehen das Wachstum schwerer und persistierender Armut, Arbeitslosig- keit und die größer werdende sozioökonomische Ungleichheit. Diese Entwicklungen haben sich durch die Erfolglosigkeit verschärft, sich den weit- verbreiteten Konsequenzen von institutionellem Rassismus zu stellen. Hunger und die Umstände, die er symbolisiert, können am besten verstanden werden, wenn sie in dem Kontext weiterer Verän- derungen gesehen werden, denn letztlich können Hunger und Armut nur erfolgreich überwunden werden, wenn ihre Ursache gefunden wird. Armut und Hunger in den USA sind nicht einer bestimm- ten Region oder einem bestimmten Teil der Bevöl- kerung zuzuordnen. Obwohl weniger offensicht- lich, so existieren sie in alarmierend zunehmender Zahl sowohl in Vororten als auch in ländlichen Gegenden. Etwa einer von acht vorstädtischen Haushalten und einer von sieben ländlichen Haus- halten erleben Unsicherheit bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln. Obwohl die Wirkungen der großen Rezession von 2008 verringert wurden, sind ihre Effekte noch spürbar, vor allem unter den am stärksten unter Vulnerabilität leidenden Bevölkerungsgruppen der Vereinigten Staaten. Über 50 Millionen Menschen erleiden Hunger – es handelt sich um den höchsten Wert, der je aufgezeichnet wurde. Beinahe 17 Mil- lionen Menschen ertragen das, was Politiker „nied- rige Nahrungssicherheit (low food security)“ nen- nen – Einzelpersonen und Familien, die nicht über die Menge an Nahrung verfügen, die von Ernäh- rungsexperten als adäquat eingestuft wird. Ihre An- zahl hat sich seit 2007 um 20% erhöht und ist nun fast doppelt so hoch wie im Jahr 2000. Afroameri-

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