Handbuch 5. Auflage

1422 Reisch  kanische und lateinamerikanische Haushalte sind hier überrepräsentiert (Coleman-Jensen et al. 2012). Etwa ein Drittel der Menschen, die in Ame- rika hungern, sind Kinder, von denen über 22% wiederum in Haushalten leben, die unter Hunger leiden (Cohen et al. 2011). Es ist empirisch belegt, dass Hunger, vor allem in den ersten drei Lebens- jahren, sich dramatisch auf die körperliche und mentale Gesundheit, den zukünftigen akademi- schen Erfolg und die ökonomische Produktivität auswirkt. Kinder, die in Haushalten aufwachsen, in denen die Ernährung nicht gesichert ist, werden öfter krank und zeigen auch ein größeres Risiko für Verhaltensprobleme, insbesondere in der Schule. So leiden sie z. B. an Hyperaktivität, Aggression, Ängste, Stimmungsschwankungen und Mobbing. Kinder, die chronisch hungrig sind, weisen oft De- fizite in ihrer schulischen Entwicklung auf. Daraus ergeben sich letztlich auch Beeinträchtigungen ih- rer Lebenschancen. Das Problem Hunger ist für arbeitende Erwachsene und die ältere Bevölke- rungsgruppe der USA zwar etwas weniger bedeu- tend, aber noch immer ein ernst zu nehmendes Problem (Gundersen et al. 2012). 2011 haben über 8% der Haushalte mit einem älteren Mitglied oder mehreren älteren Mitgliedern Hunger erlitten. 14% der Personen in den USA, die Nahrungsmit- telhilfe brauchen, sind über 65 Jahre alt (Coleman- Jensen et al. 2012). Die zunehmende Inanspruchnahme von sowohl öffentlicher als auch privater Nahrungsmittelhilfe spiegelt das Ausmaß von Armut in den USA heut- zutage wieder. Im Jahr 2012 nahmen fast 60% al- ler Haushalte mit einer unsicheren Versorgung mit Nahrungsmitteln an mindestens einem der drei größten föderalen Nahrungsmittelhilfeprogramme teil – SNAP (the Supplemental Nutritional Assis- tance Program, früher bekannt unter dem Namen „food stamps“), WIC (Women, Infants, and Child- ren – ein Programm, das Nahrungsmittelhilfe für Schwangere, junge Mütter, Neugeborene und Vor- schulkinder bietet) und das „School Lunch Pro- gram“ (Mittagessen in der Schule). Die Zahl der Amerikaner, die am SNAP-Programm teilnehmen, hat sich seit dem Beginn der Finanzkrise 2008 ver- doppelt, mittlerweile sind es im Durchschnitt 45 Millionen Menschen im Monat (U.S. Department of Agriculture 2012). Allerdings ist Hunger nur das am ehesten erkenn- bare Anzeichen überdauernder Armut und Unge- rechtigkeit bezüglich der Verteilung von Ressour- cen und Vermögen in der US-amerikanischen Gesellschaft. Im Jahr 2012 hat das U.S. Census Bureau anhand neuster Rechnungsweisen heraus- gefunden, dass in den USA 50 Millionen Men- schen arm sind – 3 Millionen mehr als im Jahr 2010. Das ist die größte Zahl, die seit Beginn der Messungen von Armut aufgezeichnet wurde (U.S. Bureau of the Census 2012a). Wenn man die Sta- tistik betrachtet, so leben knapp 16% der US-ame- rikanischen Bevölkerung unter der offiziellen Ar- mutsgrenze; 2013 beträgt diese etwas mehr als 23.000 US-Dollar pro Jahr für eine Familie beste- hend aus vier Personen (U.S. Bureau of the Census 2012b). 36% der afroamerikanischen Kinder le- ben in Armut. Die Armut in den von unverheirate- ten Frauen geführten Haushalten liegt bei knapp 40% – das ist die höchste Armutsrate für die von Frauen geführten Haushalten unter den 22 Indus­ trienationen, sie ist in etwa drei Mal höher als der Durchschnitt (2012b). Wie auch der Hunger kann Armut nicht auf notleidende Viertel in den Innen- städten oder auf isolierte ländliche Gegenden be- schränkt werden. Armut stieg bedeutend in allen Regionen der USA, vor allem im Süden und im Westen sowie in den Vororten. Diese Statistiken skizzieren lediglich die aktuelle Situation, verdeut- lichen aber nicht den Langzeiteffekt der steigenden Auswirkungen der Armut. Vielleicht ist das auffäl- ligste Ergebnis, dass fast 60% der US-Bevölkerung und 91% der Afroamerikaner, bevor sie das Alter von 65 Jahren erreichen, arm sein werden (Rank 2004). Ethnizität, Haushaltsstatus und Bildungs- niveau sind die bedeutendsten Faktoren, welche beeinflussen, ob ein Individuum der Armut dauer- haft entkommen kann. Der körperliche, psycholo- gische und soziale Einfluss der Armut, unter der die Menschen leiden oder litten, hat eine tief grei- fende Wirkung auf ihr Leben, das Allgemeinwohl und die Stabilität der amerikanischen Gemeinden. In den USA ist der am weitesten verbreitete Grund für Armut der Verlust der Arbeitsstelle oder die Herabsetzung des Lohns. Die Armutsrate liegt (unter Einbeziehung unfreiwilliger Teilzeitarbei- tender und Unterbeschäftigung) bei etwa 22% (U.S. Department of Labor 2013). Obwohl es in den USA eine klare Verbindung zwischen Arbeits- losigkeit und Armut gibt, verhindert auch ein Job nicht das Armutsrisiko. Dem U.S. Census Bureau nach gibt es in 10% der amerikanischen Familien,

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