Handbuch 5. Auflage
1426 Reisch die Sozialarbeit in den USA schließen. Das Interesse an internationalen Themen, wie z.B. Frieden, Im- migration, Gesundheitswesen, Menschenrechte und Armut, rückten stärker in den Fokus (Stern/Axinn 2012). Für die meiste Zeit des 20. Jahrhunderts gilt, dass die internationalen Bestrebungen unter Sozial- arbeitern/Sozialarbeiterinnen nur durch relativ we- nige Einzelpersönlichkeiten oder Organisationen getragen wurden (Cox/Pawar 2006; Kendall 2000). Nur seit Ende der 1990er Jahre gab es ernsthafte Be- strebungen, die Soziale Arbeit auf größerer Ebene zu internationalisieren (Asamoah et al. 2003). Diesem Phänomen liegen mehrere Ursachen zugrunde. Ein Grund ist das größer werdende Bewusstsein, dass internationale soziale und ökonomische Verände- rungen, Bevölkerungsbewegungen und Umweltpro- bleme die nationale praktische Soziale Arbeit und die Bereiche Gesundheitswesen, Handel, Energie und Sozialpolitik tiefgreifend beeinflussen. Als Konsequenz daraus sind heutzutage in einem noch nie dagewesenen Maße die Nationen der nördlichen Halbkugel von den sozialen Problemen tangiert, die zuvor nur die südliche Erdhalbkugel betrafen. Eine weitere Ursache für die Internatio- nalisierung der Sozialen Arbeit in den USA ist die wachsende Zahl der Menschen, die nicht in den USA geboren sind, aber dort leben. Innerhalb der letzten zwei Generationen hat sich dieser Anteil der Bevölkerung mehr als verdoppelt, mehr als ein Fünftel der US-Bevölkerung gehört heutzutage dieser Gruppe an (U.S. Census 2010). Des Weite- ren hat das Aufkommen neuer Kommunikations- mittel die Möglichkeiten für internationale Koope- ration und internationalen Austausch verbessert. Historisch gesehen hat sich das „Internationale“ in der Sozialen Arbeit der USA auf die globale Ver- breitung der westlichen universellen Werte, Funk- tionen und Rollen konzentriert. Auch entspre- chende Annahmen über die Berufsausübung sind vor diesem Hintergrund kritisch zu betrachten, weil sie die Theorien, die konzeptionellen Rah- menbedingungen, das Wissen und die Fähigkeiten, die StudentInnen in Praktika und Kursen erlernen, beeinflussen. SozialarbeiterInnen und Lehrende in den USA müssen daher auch ethische Themen re- flektieren, wenn sie die Verbreitung des nordameri- kanischen Ansatzes der Sozialen Arbeit forcieren. Zum Beispiel: Inwieweit sind die westlichen An- nahmen bezüglich der Beziehung zwischen Men- schenrechten und sozialer Gerechtigkeit auf andere Kontexte übertragbar (Mendez 2005)? Als Antwort auf diese Herausforderung haben US-amerikani- sche Experten im Bereich der internationalen Bil- dung (Hunter 2004) die Wichtigkeit des „globally competent learners“ hervorgehoben, d. h. die Fä- higkeit, effektiv über kulturelle und sprachliche Grenzen hinweg zu kommunizieren und sich auf Themenbereiche zu spezialisieren, die kultur- und kontinentübergreifend sind (Brustein 2003). Als ein Ergebnis sind die Bestrebungen in den USA zu sehen, die praktische Soziale Arbeit und das Stu- dium zu internationalisieren, komplexer, dynami- scher und kulturell-konzeptionell vielfältiger zu gestalten. Als Antwort auf die Herausforderung dieser Kritik wird verstärkt ein größeres Verständ- nis der Beziehung zwischen lokalen und globalen Themen gefordert, um durch die vergleichende Auseinandersetzung mit anderen Sozialstaatssyste- men nicht zuletzt auch die Politik und die Dienst- leistungen im Kontext der Sozialen Arbeit in den USA selbst zu verbessern. Weitere Ziele beinhalten die Betonung der prakti- schen Kompetenz in Bereichen, die mit internatio- nalen Themen zu tun haben, wie z. B. Immigration oder Gesundheitswesen, der Vorbereitung der Stu- dierenden auf die Arbeit in internationalen Kontex- ten – sowohl in den USA als auch im Ausland –, das bessere Verständnis globaler Dimensionen von Sozi- alarbeitern/Sozialarbeiterinnen und die Förderung einer besser informierten Studierendenschaft als eine engagierte Gemeinschaft, um Probleme wie globale Armut und soziale Gerechtigkeit zu thematisieren. Auf der am stärksten entwickelten Ebene beinhaltet die Internationalisierung der Ausbildung zum Sozi- alarbeiter/zur Sozialarbeiterin die Bildung internati- onaler kollegialer Beziehungen und die aktive Mit- wirkung in internationalen Berufsverbänden, wie z.B. „International Federation of Social Workers“ (IFSW) und „International Association of Schools of Social Work“ (IASSW), die Ausbreitung interna- tionaler Forschung über vielfältige Aspekte der sozi- alen Wohlfahrt und die Vorbereitung auf die politi- sche Beratung bezüglich dieser Themen in anderen Nationen durch internationale Organisationen. Wenn die US-amerikanischen SozialarbeiterInnen diese in den Initiativen proklamierten Versprechen halten, anstatt zu kolonialisieren, dann sind die Aus- sichten für diesen Beruf bedeutend erweitert, ein wichtiger Akteur auf der internationaler Ebene zu werden.
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