Handbuch 5. Auflage

1428  Soziale Arbeit in der Schweiz Von Thomas Gabriel und Bettina Grubenmann Über Soziale Arbeit in der Schweiz zu schreiben, stellt eine mehrfache Herausforderung dar. Der na- tionale Rahmen bedingt zahlreiche politische wie kulturelle und mentalitätsgeschichtliche Differen- zen innerhalb der Schweiz. Bereits im 19. Jahr- hundert existierten so differente soziale Sicherungs- systeme auf regionaler Ebene, dass Tabin et. al (2008) von unterschiedlichen Sozialstaatsmodellen innerhalb eines nationalstaatlichen Rahmens spre- chen. Auch aus diesem Grund existieren keine wissenschaftlich systematisierten Befunde, welche die Historie und aktuellen Diskurse für die ganze Schweiz verklammern. Der Artikel fokussiert die Entwicklung in der deutschsprachigen Schweiz in einem deutschspra- chigen und internationalen Referenzrahmen. Die Professionalisierungsprozesse in der Schweiz ver- liefen in Analogie zum internationalen Kontext. Im Vergleich zu Deutschland gibt es jedoch erheb- liche Differenzen zum Akademisierungsprozess, was sich auf die Entwicklung der Theoriediskurse maßgeblich auswirkte. Verwissenschaftlichung ge- lang zu Beginn des 20. Jahrhundert nicht und Ver- suche zum erziehungswissenschaftlichen, philoso- phischen Studium zum Gegenstand der Sozialen Arbeit scheiterten zunächst. Im Bereich von Professionalisierung existiert von Beginn an ein Methodenimport aus englischspra- chigem Gebiet und wird von diskursmächtigen VordenkerInnen rezipiert und spezifiziert. Die Me- thodenanpassung verläuft jedoch im Feld, für das Feld. Im Bereich von Akademisierung zeigt der Theorieimport keine originellen Transformations- folgen. Die Forschung hingegen konnte sich im akademischen Bereich etablieren und wird seit den späten 1990er Jahren auch an den Fachhochschu- len stark ausgebaut und gefördert. 19. Jahrhundert: Armenpflege als Teil des demokratischen Staatsbildungsprozesses Karl Mager hat 1844 den Begriff Social-Pädagogik während seines längeren Aufenthalts in der Schweiz zum ersten Mal geschrieben und auch inhaltlich systematisiert. Wird der Lesart von Müller (2002) gefolgt, bezeichnet dieser Begriff bei Mager Fol- gendes: „Sozialpädagogik meint die Erziehung und wechselseitige Selbsterziehung aller Menschen zu Bürgerinnen und Bürgern, die aus Freiheit aktiv und engagiert an ihrem dann demokratischen Ge- meinwesen teilnehmen“ (Müller 2002, 22). Dieses Verständnis ist an ein republikanisches Staatsver- ständnis gebunden, in welchem Bürger als aktive, tugendhafte Subjekte eine soziale Verbindlichkeit hervorbringen. Diese soziale Verbindlichkeit mar- kiert auch die spezifische Bedeutung gemeinnützi- ger Reaktionen und privater Wohltätigkeit auf die aufkommende soziale Frage des 19. Jahrhunderts. Der Zusammenhang von Industrialisierung und Etablierung einer öffentlichen Diskussion um die Verantwortung der Folgeerscheinungen der sozia- len Frage (Mollenhauer 1959) kann auch für den schweizerischen Kontext ausgemacht werden. Das Nachdenken und Erforschen der sozialen Frage sind Folgen der Industrialisierung und der napo- leonischen Kriege im Übergang vom 18. zum 19. Jahrhundert. Die Schweiz stieg im 18. Jahr- hundert zum meistindustrialisierten Land auf dem Kontinent auf. Bis zum Ausbruch der helvetischen Revolution 1798 änderten sich dagegen die politi- schen Verhältnisse wenig. Ein reaktionärer Kasten- geist der Aristokratie prägte die politische Land- schaft (Braun 1979). Der verfassungsrechtliche Wandel von einer Unter- tanengesellschaft zu einer Bürgergesellschaft be- gann in der Schweiz 1789 mit der Helvetik. Die helvetische Verfassung brachte eine Umwälzung Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art133, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=