Handbuch 5. Auflage
1436 Soziale Arbeit in Europa Von Walter Lorenz Das hervorstechendste Merkmal der Sozialen Ar- beit in Europa ist die unsystematische Vielfalt der Titel, der Methoden und der Organisationsformen, mit denen sie sich präsentiert. So treten z. B. nicht nur erhebliche Schwierigkeiten in der genauen Übersetzung des jeweiligen Berufstitels in andere Sprachen auf, es gibt zudem innerhalb eines jeden europäischen Landes eine Vielzahl von Berufs- titeln, deren präzise Abgrenzung voneinander und von verwandten Professionen in den Bereichen Erziehung, Therapie und Beratung oft problema- tisch ist. Dies lässt keine verbindliche „äußere Grenze“ des Territoriums der Sozialen Arbeit er- kennen. In Ländern, in denen ein Berufsregister geführt wird, wie etwa Italien, Spanien oder dem Vereinigten Königreich, erfasst dies meist nur die Sozialarbeit. Die deutsche Sprachregelung, „Soziale Arbeit“ als Oberbegriff für Sozialarbeit und Sozial- pädagogik zu benutzen, hat ein gewisses Äquivalent im französischen Travail Social , aber schon das ita- lienische Servizio Sociale deckt nicht mehrere Be- rufsgruppen, und die neue generische Terminologie von Social Care , die sich im Vereinigten Königreich durchzusetzen beginnt, ist äußerst kontrovers, da dadurch die Eigenständigkeit von Social Work in Frage gestellt wird (Lorenz 2008a). Die Spannung zwischen Vielfalt und Übereinstim- mung hat einerseits historische Gründe, indem die die Industrialisierung begleitenden sozialen Um- brüche die bewusste Organisation sozialer Solidari- tät erforderten, sowohl auf struktureller als auch auf personenbezogener Ebene. Die daraus entste- henden Organisationsformen und ersten Metho- denansätze knüpften meistens an lebensweltlichen Formen der Hilfe in sozialen Notlagen an, etwa der Kirchen, der Zünfte und Vereine, nahmen aber je nach den politischen Machtverhältnissen bürgerli- che oder klassenspezifische Formen an. Religiöse Orden bildeten sich in katholischen Ländern spezi- ell zur Pflege sozialer Aufgaben, auf protestanti- scher Seite entstand die Diakoniebewegung Sieve- kings, Fliedners und Wicherns in Deutschland. Die Heilsarmee stellte sogar eine gänzlich auf so- ziale Aufgaben konzentrierte internationale reli- giöse Bewegung dar (Wendt 2008). Erste Formen von Arbeitergewerkschaften richteten „mutuelle“ Sozialfonds für Mitglieder ein sowie Programme der Erwachsenenbildung, die Kooperative Bewe- gung experimentierte mit ökonomischen Modellen der Selbsthilfe. Die internationale Frauenbewe- gung, besonders in ihrer bürgerlichen Version, be- schäftigte sich zunehmend mit sozialen Aufgaben und stellte in dieser Hinsicht auch die bedeutend- sten Pionierinnen der Sozialen Arbeit (He- ring /Münchmeier 2005). Andererseits stießen diese lebensweltlichen Orga- nisationsformen und deren entsprechende Metho- den bald an ihre Grenzen und mussten durch wis- senschaftlich-analytische Theorien und aus ihnen abgeleitete Kompetenzen ergänzt und verbessert werden. Die internationale Orientierung der Gründerinnen von Studiengängen der Sozialen Ar- beit hatte eine doppelte Bedeutung, als emanzipati- ves professionelles Modell und als Ausweis der Wissenschaftlichkeit (Kniephoff-Knebel 2006). Alle Bemühungen um eine Konvergenz auf ein Standardmodell hin oder zumindest auf eine Syste- matisierung dieses Bereichs, die schon in den 1920er Jahren gehegt wurden, die in der Phase des Ausbaus der sozialstaatlichen Modelle nach dem 2. Weltkrieg aktualisiert wurden und die auch im Zuge des Projekts der Europäischen Vereinigung in den 1980er Jahren zuweilen wieder vorherrschten, können als gescheitert gelten. Als im Rahmen internationaler, an der angelsäch- sischen Dreierformel von Casework – Group- work – Community Work orientierter Trainingspro- gramme, die in der nachfaschistischen Zeit einen Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art134, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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