Handbuch 5. Auflage

Soziale Arbeit in Europa 1437 Beitrag zum sozialen Wiederaufbau und zur De- mokratisierung Europas leisten sollten, versucht wurde, mit einheitlichen Curricula die Professio- nalisierung der Sozialarbeit zu fördern und eine gewisse Standardisierung zu erreichen, meldete sich bald Widerstand in der Rückbesinnung auf indigene Praxisformen, begleitet von eigener Theo- riebildung und teilweise auch von einer expliziten Kritik an der vorherrschenden Sozialpolitik (Schröer 2004). Die Betonung der Sozialpädagogik in Deutschland, in Anknüpfung an Methodendis- kurse, die weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen, hatte Parallelen in der Popularität von Animation in Frankreich und im mediterranen Raum; die Niederlande operierte zeitweise mit bis zu elf Titeln (Freitas 2007), die nordischen Staaten richteten parallele Studiengänge für unterschiedliche Berei- che der Sozialen Arbeit ein mit Berufstiteln wie Sosionom , Barnevernsbedagog und Vernepleier etwa in Norwegen (Larsen 2004; siehe die umfassende Darstellung von Hamburger et al. 2004 ff.). Der Versuch der Vereinheitlichung der Titel und Studi- engänge in der EU wie auch in Zentral- und Ost- europa nach 1989 war mit dem Verdacht behaftet, dass damit landesspezifische Traditionen durch ein angelsächsisches Modell kolonialisiert werden soll- ten (Pik 1998). Bestrebungen der Vereinheitli- chung des sozialen Berufsfelds gingen immer ein- her mit gegenläufigen Tendenzen der weiteren Differenzierung, die gegenwärtig ohnehin im Zuge der Liberalisierung des Professionsverständnisses noch rapider voranschreitet in Bezug auf Titel und Methodenmodelle. Dies legt den Schluss nahe, dass gerade der ver- gleichende Blick auf die Vielfalt der Erscheinungs- formen der Sozialen Arbeit auf dem Hintergrund der Entwicklung der europäischen Nationalstaaten zum Verständnis des Wesens dieser Profession bei- trägt. Entsprechend ist nach dem jähen Abbruch der vergleichenden Pionierarbeit von Alice Salo- mon (1937), die im Jahr ihres Berufsverbots von der International Association of Schools of Social Work den Auftrag erhielt, eine Studie über die in- ternationale Sozialarbeiterausbildung zu produzie- ren (Kruse 2003), das Interesse an vergleichenden Darstellungen erst wieder in den 1980er Jahren erheblich gestiegen. Die dialektische Spannung, die sich in vielen Dimensionen in der Geschichte der europäischen Sozialen Arbeit ausspielt, zwi- schen dem Anspruch auf Universalität durch die wissenschaftliche Fundierung ihrer Methodik ei- nerseits und der Einbindung in nationalstaatliche Strukturen, Gesetze, Gewohnheiten und kulturelle Traditionen andererseits, ist ein zentrales Element ihres historischen Charakters und als solches der eigentliche Ausgangspunkt für ihre weitere wissen- schaftliche und professionelle Ausarbeitung. Zum Ausdruck kommt dies in der wachsenden Zahl von Studiengängen der Sozialen Arbeit mit europäi- scher Orientierung (z. B. MACESS: Richard- son / Lawrence 2005) bis hin zu einem für Dokto- ratsstudien formulierten europäischen Modul durch das PhD-ACT-Konsortium (Otto / Abeling 2007). In den 1990er Jahren wurden auch Fach- zeitschriften gegründet ( Social Work in Europe , Eu- ropean Journal of Social Work , beide jetzt zusam- mengelegt), die sich explizit der Schaffung eines europäischen Diskurses der Sozialen Arbeit wid- meten. In diesem Sinne und auf dieser Basis ent- wickelte sich seit der Jahrtausendwende in Umris- sen ein Gegenmodell der Europäischen Sozialen Arbeit, das nicht auf Standardisierung abzielt, son- dern die kritische Analyse der Beziehung zwischen wissenschaftlich begründeten Theorien und den kulturbezogenen und politikabhängigen Elemen- ten eines professionellen Habitus zum Ausgangs- punkt neuer methodischer Impulse nimmt (Otto / Lorenz 2002; Lorenz 2008b). Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Sozialen Arbeit in Europa lassen sich nur entlang verschiede- ner Achsen verstehen, die gleichzeitig in Erwägung gezogen werden müssen. Die darin angesprochenen Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Grundsätz- lich sind der Charakter der Sozialdienste und die sozialpolitische Rolle der sozialarbeiterischen Me- thodik in Europa beeinflusst durch die verschiede- nen politischen Traditionen, die die Geschichte der europäischen Nationalstaaten prägten. Hier haben die Regimekategorien von Esping-Andersen (1990) und Leibfried (1992) ihre Berechtigung trotz der Tatsache, dass in allen Ländern Europas Sozial- dienste öffentlich und parallel privat organisiert sind und daher einen „Welfare Mix“ repräsentieren (Bode 2006), jedoch in unterschiedlichen Propor- tionen und mit einer jeweils prägenden Bedeutung für die Soziale Arbeit. Wo diese wie in nordischen Ländern vorwiegend im öffentlichen Bereich plat- ziert ist, kommen stärker die Dienstleistungen als ein soziales Recht und weniger die stigmatisierende Konnotation der Hilfsbedürftigkeit zum Ausdruck,

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