Handbuch 5. Auflage

1440 Lorenz  neuen Jahrhundert beschäftigen, lassen sich in vier Gruppen gliedern, die allerdings in verschiedenen Ländern unterschiedliche Gewichtung haben auf- grund der oben aufgeführten unterschiedlichen sozialpolitischen Voraussetzungen gemischt mit unterschiedlichen Methodenansätzen. Migration stellt zumindest bezüglich der öffent- lichen Aufmerksamkeit, die dieser Thematik ge- widmet wird, einen Bereich dar, in dem Soziale Arbeit gefragt ist – allerdings zumeist unter dem Vorzeichen der Beseitigung von Integrationskon- flikten. Dabei ist die Präsenz Professioneller in de- signierten Projekten rückläufig und entsprechende Rollen werden allmählich von Vertretern der be- treffenden Ethnien gefüllt, die aber noch immer nicht offenen Zugang zu professionellen Studien- gängen haben. Dagegen nimmt die Beschäftigung mit Migrationsfragen in den verschiedenen sozia- len Kerndienstleistungsbereichen zu und es ent- steht ein wachsender Bedarf an interkulturellen und sprachlichen Kompetenzen. Das Thema des Kinderschutzes rückt in den meis- ten Ländern in den Vordergrund in den familien- unterstützenden Diensten. Ausgehend vom Ver- einigtenKönigreich,wodieMedien seit Jahrzehnten das „Versagen“ der Sozialdienste bei Fällen tödli- cher Kindesmisshandlung anprangern, wächst das Bewusstsein, dass Familien nicht unbedingt ein schützender Hort sind, und intensiviert den Kon- flikt, der für die Sozialdienste entsteht, zwischen kontrollierender Früherkennung und Wahrung der Familienintegrität und der Privatsphäre. In diesem Bereich bekommen Sozialdienste die Widersprü- che der Sozialpolitik besonders deutlich zu spüren. Demografische Veränderungen machen es erfor- derlich, dass die Soziale Arbeit sich auch stärker der Gruppe der älteren Menschen widmet als dies in den meisten europäischen Ländern bisher der Fall war. Allerdings kommt es in diesem Bereich nur zögernd zu einem höheren Grad der Professionalisierung aus Gründen einer Mischung von sozialpolitischer Rationalisierung, die hier meist billigere Pflegebe- rufe einsetzt, und methodologischem Desinteresse besonders von Seiten der Sozialarbeit. Nur verein- zelt wird ein methodischer Bezug zur Biografisie- rung der Lebensalter thematisiert (Böhnisch 1999), obwohl gerade in dieser Hinsicht die Individuali- sierung von Lebensbewältigungsaufgaben kritisch hinterfragt werden müsste (Hanses /Homfeldt 2009). Ein weiteres Hauptthema betrifft die Beschäftigung mit Fragen der Identität , ursprünglich aufgrund der Forderungen nach Partizipation durch Nutzer- gruppen (Beresford 2001). Gestärkt durch Ein- flüsse postmoderner Denkmuster auf die Methodik ging der Anspruch auf universale Anwendbarkeit von Methodenansätzen stark zurück und die Be- schäftigung mit Identitätsfragen wuchs entspre- chend. Dies führte in allen Anwendungsbereichen der Sozialen Arbeit zu einer gewissen Zersplitte- rung des Normenkonsenses entsprechend der Identitätsmerkmale bestimmter KlientInnengrup- pen nach Kriterien von Gender, Ethnie, Grad der Behinderung, Religion, Sprache etc. und einer Re- lativierung der ethischen Orientierung. Wenn Dienstanbieter und Dienstbenutzer unterschiedli- che Identitätsmerkmale aufweisen, wird dies zu- nehmend als Hindernis gewertet, sodass etwa bei Adoptionen und Pflegeaufnahmen mehr auf ge- naue Entsprechungen von Eltern und Kindern ge- achtet wird, und dass professionelle Qualifikatio- nen gegenüber der den Klienten entsprechenden Lebenserfahrung weniger zu zählen beginnen. Diese Tendenz entspricht wohl dem Anspruch des Vorrangs der Selbsthilfe, der Sensibilität gegenüber kulturellen Besonderheiten, und korrigiert auch den Hang der Professionen, sich gegenüber Fragen der Identität, der Kultur und der gelebten Erfah- rung arrogant-„neutral“ zu verhalten. Dennoch fragmentiert sie Dienstanbieter auf unerwartete Weise, indem wieder häufiger spezialisierte Anlauf- stellen bei den sozialen Diensten entstehen. Zudem stellt sie wieder den Anspruch der Sozialen Arbeit auf volle Professionalisierung in Frage und proble- matisiert deren Beitrag zur sozialen Integration. Auf Europa insgesamt bezogen konnte somit auch kein einheitlicher Professionalisierungsgrad der Sozialen Arbeit erreicht werden und Studiengänge sind nur in wenigen Ländern ausschließlich auf der universitären Ebene angesiedelt, wenn man den ganzen Bereich der Sozialen Professionen in Be- tracht zieht. Was speziell Sozialarbeit / Sozialpäd­ agogik betrifft, ist der Grad der „Akademisierung“ insgesamt höher, aber auch der Bologna-Prozess konnte keine einheitliche Entscheidung darüber hervorbringen, ob der berufsqualifizierende Ab- schluss nach drei oder nach fünf Jahren erreicht würde. Doktoratsstudiengänge sind in den we­ nigsten europäischen Ländern in der jeweiligen unmittelbaren Kerndisziplin der Sozialen Arbeit

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