Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Europa 1439 schließen einer sozial prekären Thematik zum Ziel hat und zeitweise zu höchst innovativen Projekten Anlass gab in Straßentheater, Abenteuerpädagogik, Museumspädagogik, in kreativer, auf Selbstreprä- sentation ausgerichteter Behindertenarbeit oder in Aktionen von Sozialkooperativen und Selbsthilfe- gruppen. Der sozialpolitische Einfluss manifestiert sich am deutlichsten in Bezug auf den Diskurs der Bera- tung in Verbindung mit dem des Sozialmanage- ments, der sich als zeitgenössische Alternative zu den „klassischen“ Methoden der Sozialarbeit he- rausbildet. In Bezug auf eine wissenschaftliche Fundierung knüpft Beratung ( Counselling ) an Konzepte der kognitiven Psychologie an, die die Entscheidungsfähigkeit von Individuen betonen. Damit entsteht eine kritische wissenschaftliche Distanz dieser Methodik von der in psychoana- lytischen Konzepten verwurzelten Case-Work - Tradition, die sich auch durch professionelle Ab- grenzungen bis hin zu einer „Flucht“ vieler Praktiker aus der Sozialen Arbeit manifestiert. Sobald die sozialpolitischen Bedingungen eines Landes Konkurrenz unter Dienstanbietern för- dern, verselbstständigt sich gerade dieser Metho- denansatz und präsentiert sich unter neuen Be- rufstiteln wie Lebensberater, Coach , Guidance Counselor etc. Ähnlich üben ökonomische Kon- zepte des Managements ihren Einfluss auf die Weiterentwicklung der Methodik der Sozialen Arbeit aus. Sozialmanagement oder Care Manage- ment verwandelt sich unter neoliberalen sozial- politischen Voraussetzungen von einem metho- dologischenInstrument innerhalbdes bestehenden Professionsrahmens zu einer konkurrierenden Profession mit eigener Identität und kritischer Haltung gegenüber traditionellen Formen der Sozialen Arbeit. Insgesamt haben diese neueren Diskurse den Zweck, die politischen Spannungen der Praxis der Sozialen Arbeit, die aus deren „dop- pelten Mandat“ der umfassenden Berücksichti- gung individueller und gesellschaftlicher Bedürf- nisse entstehen, zu „neutralisieren“, indem diese Methoden eigene Entscheidungsfähigkeiten bei KlientInnen zu aktivieren versuchen. Die gesell- schaftlichen Rahmenbedingungen werden als global ökonomisch bedingt angesetzt und deshalb als außerhalb der Kontrolle durch den National- staat liegend angesehen. Diese methodologische Position entspricht formal der Maxime der Eigen- bestimmung von KlientInnen ( Self-determina- tion ), die das (uneingelöste) Kernstück der „klas- sischen“ Methoden darstellte, transformiert diese aber in Programme der „Aktivierung“, die, meist unter Drohung des Verlusts von Sozialbeihilfen, den RezipientInnen dieser Beihilfen die Anpas- sung an sozialpolitische Programme nahelegen. Sie fordern ein hohes Maß an Eigenbeteiligung und Leistungserbringung ein. Selbst in nordi- schen Staaten, wie z. B. Norwegen, sind sozial- politische Grundzüge des Workfare- Ansatzes zu verzeichnen (Lyngstad et al. 2005). Obwohl da- mit allgemein in europäischer Praxis die Betonung von sozialen Rechten auf soziale Pflichten verlegt wird, erhalten sich dennoch gewisse Grundposi- tionen der jeweiligen politischen Kultur eines Landes, sodass in nordischen Ländern auch akti- vierende Maßnahmen den Rechtsanspruch auf öffentliche Unterstützung nicht so stark verdrän- gen wie in korporatistischen oder liberalen Wohl- fahrtstraditionen. Mit dieser Wende des Metho- dendiskurses in weiten Teilen Europas wird aber die Privatisierung nicht nur sozialer Dienste, son- dern auch sozialer Beziehungen mit befördert. Soziale Arbeit wird de facto wieder involviert in einer Rolle, die ihr in vorprofessionellen Zeiten anhaftete, nämlich der Unterscheidung der „un- terstützungswürdigen“ ( deserving ) von den „un- terstützungsunwürdigen“ ( undeserving ) Hilfe- empfängern. Angesichts dieser Veränderungen in den sozial- politischen Rahmenbedingungen ist auch der Be- reich Gemeinwesenarbeit stark zurückgegangen, zumindest was die Präsenz dieser Methodik im öf- fentlichen Bereich anbelangt. Wo sie noch eine Rolle spielt, kommen ihr meist Aufgaben der Kon- fliktbewältigung zu in Bezug auf ethnisch definierte Bevölkerungsminoritäten, etwa in Irland gegen- über der Gruppe der Travellers oder sonst in Inte- grationsprojekten im Bereich der Arbeit mit Roma und Sinti oder für Menschen mit Migrationshin- tergrund. Gleichzeitig erstarken aber auf der nicht- öffentlichen, zivilgesellschaftlichen Seite Initiativen in der Tradition von Community Work , vor allem im Bereich der Selbsthilfe und des sozialen Engage- ments für ökologische und gesellschaftskritische Zwecke sowie im Bereich der Sozialökonomie (El- sen 2007). Die transversalen Themen und Aufgabenbereiche, die die Soziale Arbeit in allen Teilen Europas im
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