Handbuch 5. Auflage
1443 Soziale Arbeit in Mittel- und Osteuropa Von Oldřich Chytil, Alice Gojová und Dana Nedělniková Geschichte und Entwicklung der Sozialarbeit in Mittel- und Osteuropa Die Wurzeln der Sozialarbeit in Mittel- und Ost- europa lassen sich im Zusammenhang mit den An- fängen der organisierten Karitas auffinden. Mitte des 19. Jahrhunderts traten erstmals karitative und philanthropische Organisationen in Erscheinung. Die karitative Tätigkeit war vor allem ein Bestand- teil von kirchlichen Aktivitäten und konzentrierte sich auf die Armen-, Kranken- und Waisenhilfe. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wur- den verschiedene karitative Verbände, vor allem Frauen-, Studenten- und Kirchengemeinschaften, gegründet (z. B. die jüdische Gemeinschaft in Li- tauen und in Bulgarien, die orthodoxe Kirche in Rumänien und Bulgarien, Moslems in Bulgarien usw.). Auf internationaler Ebene war das Rote Kreuz tätig (Zaviršek / Leskošek 2005; Final Re- port. History of Social Welfare in Latvia; Novotná et al. 1995; Juhász et al. 2005; Dümling 2004; Po- pova / Angelova). In Ungarn waren z. B. im Jahre 1914 im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe 117 Vereine tätig (Juhász et al. 2005). Die Anfänge der Entwicklung und Professionalisie- rung der Sozialarbeit sind dem Zeitraum zwischen den zwei Weltkriegen zuzuschreiben. Zu den be- deutenden Impulsen in Rumänien gehörte das Entstehen des Ministeriums für Gesundheit, Ar- beit und Sozialschutz im Jahre 1922 (Final report of the Romanian Research Team). Es kam zu den ersten Versuchen, eine die Sozialhilfe garantierende Legislative zu gestalten. In Bulgarien wurde das Gesetz über die Sozialhilfe angenommen (Po- pova / Angelova), in Litauen wurde gemäß eines Gesetzes eine derartige Hilfe, die aber nicht von professionellen Fachleuten geleistet wurde, von Gemeinden und vom Staat sichergestellt (Final Re- port. History of Social Welfare in Latvia). In meh- reren Ländern fällt in diesen Zeitraum auch der Anfang der Entwicklung der Ausbildung in der So- zialarbeit, wie noch nachfolgend genauer ausge- führt wird. In dieser Entwicklung war die Situation in Jugo- slawien spezifisch. Der Begriff der Sozialarbeit wurde hier zum ersten Mal in den 1930er Jahren im Zusammenhang mit der Tätigkeit der Jugosla- wischen Frauenunion eingeführt (Zaviršek / Leskošek 2005). Nach dem Zweiten Weltkrieg und im Kontext der kommunistischen Wende am Ende der 1940er Jahre hat sich die Situation in den einzelnen Län- dern verschiedenartig entwickelt. Vor allem in Ru- mänien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn und in der UdSSR kam es zur Unterbrechung der Ent- wicklung der Sozialarbeit oder sogar zu ihrer Ein- dämmung. In den 1950er Jahren war das Studium der Sozialarbeit an Universitäten in Rumänien, Bulgarien und in der Tschechoslowakei nicht mög- lich (Ciot 2004; Chytil / Popelková 2002; Po- pova / Angelova). Mit der Wende zum Kommunis- mus ging aber nicht in allen Ländern die Beendigung der Hochschulausbildung in der Sozi- alarbeit einher. Als Beispiele für Ausnahmen sind Polen (Wódz 1998) oder Jugoslawien (Za- viršek / Leskošek 2005) zu nennen. Die vielversprechende Entwicklung in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen wurde mit dem Antritt von kommunistischen Regierungen und deren Doktrinen, in denen die Sozialpolitik und Sozialarbeit keinen Platz hatten, behindert, da in der sozialistischen Gesellschaft soziale Probleme bestritten wurden. Es wurden alle nichtstaatlichen Organisationen verboten und die Sozialarbeit wurde vor allem auf die Auszahlung von sozialen Leistungen, Aktivitäten der Gewerkschaften und der Partei selbst sowie auf die Anstalts- und Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art135, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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