Handbuch 5. Auflage
1444 Chytil · Gojová · Nedelniková Gesundheitspflege reduziert (Ciot 2004; Lazutka et al. 2004; Novotná / Schimmerlingová 1992; Ju- hász et al. 2005). In Ungarn bildete die Zielgruppe von Kindern in Vorschuleinrichtungen und an Grundschulen, die der Aufmerksamkeit entgangen war und den Me- thoden der Sozialarbeit offen stand, eine Aus- nahme. Im Jahre 1980 veranlassten diese Aktivitä- ten sogar das Entstehen der ersten (illegalen) nichtstaatlichen Organisation SZETA, die zu einer demokratischen Dissidentenbewegung wurde (Ju- hász et al. 2005). Auf Grund der Lockerung der politischen Verhält- nisse in den 1960er Jahren kam es zu einer Verbes- serung der Situation. In der Tschechoslowakei ent- stand infolge der Ereignisse des Prager Frühlings 1968 das Ministerium für Sozialwesen und es wur- den mehrere Programme der Sozialarbeit ausgear- beitet. In der Zeit der politischen Repressionen in den 1970er Jahren mussten viele ausgebildete Fachleute (Psychologen, Soziologen usw.) ihre Ar- beitsplätze verlassen und sie begannen im Bereich der Sozialarbeit zu arbeiten. Diese Situation trug zur Entwicklung der praktischen Sozialarbeit bei und initiierte Aktivitäten im Bereich der Theorie und Forschung (Chytil 1996). In Polen kam es in der erwähnten Zeit zu einer Entwicklung der sozia- len Dienstleistungen auf der Ebene der staatlichen Verwaltung und der Selbstverwaltung und es wurde die Funktion der Sozialarbeiter eingerichtet, deren Aufgabe es war, Kinder und Jugendliche, Familien und alte Menschen zu unterstützen (Wódz 1998). Zu ganz spezifischen Entwicklungen kam es nach dem Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien. Im Unter- schied zu den meisten Ländern Mittel- und Ost- europas bezog die kommunistische Partei zur Sozi- alarbeit eine aktive Position – ausgewählte Parteimitglieder wurden in die USA delegiert, mit dem Ziel, Kenntnisse über mögliche Lösungen von sozialen Problemen auf die örtlichen Bedingungen zu übertragen. Die ersten Konzepte der Sozialarbeit in Jugoslawien waren aus diesem Grunde amerika- nischer Herkunft. Die Sozialarbeit wurde auch bei Parteitagen als ein Instrument der Erhöhung des Lebensniveaus der Bevölkerung thematisiert. Der Zeitraum 1945 bis 1960 gilt deswegen als eine Pe- riode, in der die Sozialarbeit zum Instrument der Kontrolle und Sanktionen der kommunistischen Partei wurde. Das kommunistische Regime in Ju- goslawien führte als eines der wenigen weder eine Strategie der Verleugnung noch eine der Unterbin- dung der Sozialarbeit durch und begann im Ge- gensatz dazu Sozialarbeit aktiv zu betreiben (Za- viršek / Leskošek 2005). Erst der Zusammenbruch der totalitären Regime führte zu einer Entwicklung der Sozialarbeit. So- ziale Probleme sowie die Notwendigkeit, solche Situationen mit Hilfe von qualifizierten, zu dieser Zeit jedoch nicht ausreichend zur Verfügung ste- henden Fachleuten zu lösen, wurden thematisiert. In der postkommunistischen Gesellschaft traten vollkommen neue Probleme auf wie Arbeitslosig- keit, Obdachlosigkeit, Prostitution und Armut (Šiklová 2001; Kozma 2007; Mavrina 2005; Ciot 2004; Béla 2004; Lazutka et al. 2004). In Russland und Litauen ergab sich eine spezifische Situation, da die Sozialarbeit an keine historischen Traditionen anknüpfen konnte. Russland musste sich darüber hinaus mit den negativen Folgen des Zerfalls des sowjetischen Systems befassen (Mav- rina 2005). In Litauen gingen die Sozialarbeit so- wie die Profession des Sozialarbeiters stark mit der Unabhängigkeit Litauens einher (Lazutka et al. 2004). Die Kriegskonflikte in Jugoslawien in den 1990er Jahren mündeten in dessen Zerfall und die Grün- dung der heute unabhängigen Staaten. Durch sol- che dramatischen Umstände wurden die sozialen Bedingungen in den Nachfolgeländern beeinflusst. Sie haben die Aufgabe übernommen, eigene Wege der Stabilisierung der Gesellschaft zu suchen. Kroatien und Slowenien haben ihre Unabhängig- keit im Jahre 1991 erklärt. In Kroatien pflegt man die Folgen des Krieges mit Begriffen wie „zerstörte Kommunität“ oder „Trauma der Kommunität“ zu bezeichnen. Probleme mit der Reintegration nach dem Krieg, der Verletzung der Menschenrechte, der Armut, der Arbeitslosigkeit, dem Flüchtlings- wesen und der benachteiligten Situation von na- tionalen Minoritäten gibt es auch noch am Anfang des 21. Jahrhunderts (Report on Community Trauma 2002). Dies wird zu einem Thema für die Sozialarbeiter (Blitz 2005; Medica 2007 usw.). Die 1990er Jahre eröffneten eine neue Etappe der Sozialarbeit mit einer Orientierung auf die Voll- endung des Prozesses ihrer Legitimierung und all- mählichen Professionalisierung. Die Professionalisierung geht einher mit dem Auf- bau einer eigenständigen Wissensbasis, mit der Ausbildung, Formalisierung und Standardisierung
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