Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit in Mittel- und Osteuropa 1449 Die Zielgruppen in den einzelnen Ländern sind sehr ähnlich, ohne deutliche nationalbedingte spe- zifische Züge. Deren Beschreibung basiert auf zwei Kriterien. Entweder wird ein gewisser Teil der Be- völkerung genannt, wie es in dem russischen Bei- spiel der Fall ist, das eine Fokussierung der Sozial- arbeit auf die Familie, Kinder, Jugendliche, Senioren und gesundheitlich Behinderte aufweist (Grigorev /Guslakova 2001), oder man orientiert sich mehr auf die Beschreibung von schwierigen Situationen, die die Menschen erleben. Als Beispiel kann die slowenische Beschreibung dienen, nach der sich die Sozialarbeiter auf betroffene Gruppen wie Arbeitslose, Obdachlose oder Menschen mit Wohnproblemen, ethnische Minderheiten, Abhän- gige, Senioren, Opfer von Gewalttaten und Fami- lien mit Kindern (Šugman Bohinc 2005) konzen- trieren. Meistens arbeitet man mit einer Kombination der beiden Kriterien, wovon auch das slowenische Beispiel zeugt. Auf Definitionen der Lebenssituationen fußt die russische Legisla- tive. Das Föderalgesetz über soziale Dienstleistun- gen aus dem Jahre 1995 präzisiert diese Situationen als Vereinsamung, Krankheit, Arbeitslosigkeit, niedrigesEinkommenusw. (Iarskaia-Smirnova / Ro- manov 2004). Die Beschreibung der Zielgruppe als eines Teiles der Bevölkerung kann stigmatisierend sein. In die- sem Zusammenhang ist ein Beispiel von slowaki- schen Autorinnen zu erwähnen, die als Zielgruppen der Sozialarbeit Familie, Kinder, Jugendliche, ge- sundheitlich Behinderte, Arbeitslose, Roma, Ge- fangene, aus dem Vollzug einer Freiheitsstrafe ent- lassene Personen, Alkoholabhängige und von anderen Suchtmittel abhängige Personen (Levi- cká /Mrázová 2004; Šramatá 2001) nennen. Die Zugehörigkeit zu einer Altersgruppe (Kinder, Ju- gendliche) oder zu einer ethnischen Gruppe (Roma) kann so als Potenzial einer gewissen Pro- blematisierung aufgefasst werden. Eine ähnliche Anmerkung lässt sich zu der slowenischen Be- schreibung machen, die neben den Problemsitua- tionen auch Senioren und ethnische Minderheiten nennt (Šugman Bohinc 2005). Eine sensiblere und klarere Arbeit mit dem De- finieren und mit der Benennung der Zielgruppen verstehen wir als eine Aufforderung für eine weitere Entwicklung der Sozialarbeit in Mittel- und Ost- europa. Die Frage ist, ob man mit dem Definieren der erwähnten Zielgruppen mittels einer Rechts- norm das Stigma nicht gerade in die Legislative einführt. Die Akzeptanz einer solchen Stigmatisie- rung würde dann zu einer der Bedingungen für die Gewährung der Hilfe werden. In diesem Sinne ist zu überlegen, ob es nicht besser wäre, wenn sich die Gesetzgeber eher auf die Bestimmung eines Kreises von berechtigten Personen (im Sinne der Staats- bürgerschaft, des Aufenthaltes auf dem Gebiet ei- ner Gemeinde usw.) beschränken würden. Literatur Béla, S. (2004): An Insight into the Actual Socio-Economic Situation of Romania. Social Work&Society 2, 250–255 Blitz, B.K. (2005): Refugee Returns, Civic Differentiation, and Minority Rights in Croatia 1991–2004. Journal of Refugee Studies 3, 362–386 Chytil, O. (1996): Social Work Education: A View from the Czech Republic. Alumni Journal, Boston University, School of Social Work 2, 1–4 –, Popelková, R. (2002): Sociální politika a sociální práce v České republice. In Súčasný stav sociálnej práce na Slo- vensku a perspektívy jej rozvoja. Pedagogická fakulta Uni- verzity Komenského, Bratislava, 46–76 Ciot, G. (2004): Romania. In: Campanini, A., Frost, E. (Hrsg.): European Social Work. Carocci editore, Roma, 189–192 Darvas, A., Kozma, J. (2007): Hungary. In: Weiss, I., Wel- bourne, P. (Hrsg.): Social Work as a Profession – A Com- parative Cross-National Perspective. IASSW/Venture Press, Birmingham Dümling, B. (2004): Country Notes: The Impact of Western Social Workers in Romania – A Fine Line between Empo- werment and Disempowerment. Social Work&Society 2, 270–278 Final Report of the Romanian Research Team for the „His- tory of Social Work in Eastern Europe. 1900–1960“ Pro- ject. In: http://www.sweep.uni-siegen.de/content/Results/ Final_reports.html, 30.06.2008 Final Report. History of Social Welfare in Latvia. In: http:// www.sweep.uni-siegen.de/content/Results/Final_reports. html, 4.3.2010 Fruttus, L.I. (2004): Hungary. In: Campanini, A., Frost, E. (Hrsg.): European Social Work. Carocci editore, Roma, 103–111 Gabura, J., Pružinská, J. (1995): Poradenský proces. Slon, Praha Gojová, A., Sobková, H., Nedělníková, D., Mastná, L., Zajdáková, S., Hradecký, I., Malinová, H., Zimmerman- nová, M., Černá, D. (2008): Terénní sociální práce s vyb-
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