Handbuch 5. Auflage
145 Behinderung Von Heidrun Metzler 650 Millionen Menschen weltweit – oder 10% der Weltbevölkerung – leben nach Angaben der Ver- einten Nationen mit einer Behinderung; damit bilden Menschen mit Behinderung die größte Minderheitengruppe. Diese Aussage suggeriert, dass weltweit ein einheitliches Verständnis darüber besteht, was eine Behinderung ist bzw. wann Per- sonen als behindert bezeichnet werden können. Demgegenüber ist jedoch zu konstatieren, dass eine solche übergreifend gültige Definition nicht existiert – im Gegenteil: Der Begriff Behinderung wird auf sozial, kulturell und gesellschaftlich höchst unterschiedliche Situationen und Lebenslagen an- gewandt und unterliegt zudem einem kontinuierli- chen historischen Wandel. Eine Auseinanderset- zung mit dem Begriff Behinderung muss daher vor allem explizieren, in welchen Kontexten und / oder zu welchen Zwecken eine Definition von Behin- derung vorgenommen wird. Wissenschaftliche Zugänge zum Thema Behinderung In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Begriff Behinderung werden seit den 1970er Jahren des 20. Jahrhunderts unterschiedliche me- thodologische Positionen – vielfach als „Paradig- men“ bezeichnet – unterschieden (Thimm 2006, 178). Diese lassen sich differenzieren nach ihrem jeweiligen Bezugs- bzw. Ausgangspunkt: Das individualtheoretische Paradigma Dieses Modell von Behinderung nimmt seinen Ausgangspunkt in einer physischen, psychischen und / oder kognitiven Beeinträchtigung eines Menschen, die dazu beiträgt, dass bestimmte All- tagsfunktionen nicht oder nicht mehr, d. h. in ei- ner nicht altersentsprechenden oder sozial er- wünschten Weise ausgeführt werden können. Behinderung erscheint hier entsprechend als Ein- schränkung individuellen Leistungsvermögens. Dieses Modell bildet den leitenden theoretischen und methodischen Zugang für die Rehabilitati- onswissenschaften, die Medizin sowie weitere therapeutische Disziplinen. Indem Behinderung in diesem Modell assoziiert wird mit individuell belastender Beeinträchtigung, gilt deren Über- windung durch entsprechende Förderung und Unterstützung als vorrangiges Ziel. Darüber hi- naus erfährt die Prävention von Behinderungen durch Konzepte zur Vermeidung der Chronifizie- rung von Krankheiten oder von Krankheitsfolgen, aber auch – z. B. im Rahmen der Reproduktions- medizin – der Selektion durch pränatale Diagnos- tik Aufmerksamkeit. Historisch betrachtet trugen im weitesten Sinne medizinische Erkenntnisse und Handlungskon- zepte zur Entstehung des Systems der Rehabilita- tion und Behindertenhilfe bei; auch die im 19. Jahrhundert sich entwickelnden pädagogischen Zugänge waren zunächst diesem Modell verbun- den, wie sich nicht zuletzt in der Bezeichnung der Disziplin als „Heilpädagogik“ zeigt. Das interaktionistische Paradigma Vertreter des Symbolischen Interaktionismus fo- kussieren in ihrer Analyse von Behinderung deren Wirkungen in sozialen / interaktionalen Zusam- menhängen. Einer der wesentlichen Wegbereiter dieses Modells ist Goffman mit seinem Konzept des Stigmas bzw. der Stigmatisierung. Behinderung gilt in diesem Kontext als Merkmal einer Person, das diese diskreditiert bzw. diskreditierbar macht. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art011, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München
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