Handbuch 5. Auflage

146 Metzler  In sozialen Interaktionen werden von (behinderten) Individuen spezifische Rollenfunktionen bzw. Rol- lenerwartungen nicht oder in einer kulturell nicht üblichen Weise erfüllt (z. B. die eigenständige Be- wältigung von Alltagsaufgaben im Erwachsenenal- ter, das Einhalten spezifischer Distanzregeln im Kontakt zu Fremden etc.); solche „Abweichungen“ irritieren und führen vielfach zu generalisierenden Inkompetenzerwartungen bzw. -vermutungen. Be- hinderung wird zu einem Kriterium, das zu einer für alle sozialen Beziehungen gültigen eindeutigen Statuszuweisung führt (Thimm 2006, 40); die in modernen Gesellschaften beobachtbare Differen- zierung sozialer Rollen von Individuen wird durch das Merkmal Behinderung eingeschränkt bzw. auf die Rolle „des Behinderten“ begrenzt. Individuelle Beeinträchtigungen sind in interaktio- nistischer Perspektive nicht allein somatisch (im weitesten Sinne) bedingt, sondern werden erst durch eine normative Bewertung zu einer „Abweichung“, die weitreichende Folgen für die soziale Situation eines Menschen mit Behinderung haben kann. Das systemtheoretische / gesellschaftstheoretische Paradigma Gesellschaftstheoretische Zugänge analysieren die Konstitution sozialen Lebens im Lichte spezifischer historisch bestimmter Verhältnisse. Behinderung erscheint darin als gesellschaftlich produzierter Tat- bestand, der sich in Architektur, Technik, Geset- zen, Institutionen, Sozial- und Bildungsetats etc. manifestiert. So wird die sozial übliche Teilhabe am öffentlichen Leben verhindert. Insbesondere kapitalismuskritische Ansätze be- trachten Behinderung im Zusammenhang mit sozioökonomischen Benachteiligungen (Chancen- ungleichheit), die sich aus (möglichen) Einschrän- kungen der individuellen Leistungsfähigkeit erge- ben. Jantzen (1976) bezeichnet Behinderung als Resultat einer kapitalistischen Gesellschaftsord- nung, die zum Ausschluss aus den Prozessen der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion führt und dadurch zur Isolation. Er nennt „die Ver- hinderung von Aneignung des gesellschaftlichen Erbes“ als Folge. Auch wenn insbesondere im alltäglichen Sprach- gebrauch Gesellschaftstheorie und Systemtheorie vielfach gleichgesetzt werden, setzen systemtheo- retische Ansätze (insbesondere Luhmannscher Prägung) doch spezifische Akzente. Die soziologi- sche Systemtheorie befasst sich mit der Analyse moderner Gesellschaften; als zentrale Kategorien erscheinen dabei die funktionale Differenzierung in unterschiedliche „Kommunikationssysteme“, die nicht gleichzusetzen sind mit sozialen Hand- lungssystemen, sowie die wertneutrale Einführung der Begriffe Inklusion und Exklusion. Wansing ar- beitet aus solcher systemtheoretischer Perspektive als Spezifikum der „Lebenslage Behinderung“ he- raus, dass „nicht ein prinzipieller Mangel an In- klusion […] die Problemlage von Menschen mit Behinderung [kennzeichnet], sondern die Art und Weise der wohlfahrtsstaatlichen Inklusion in das Rehabilitationssystem“ (Wansing 2006, 194). Menschen mit Behinderung sind danach nicht aus relevanten Funktionssystemen wie Bildung, Ar- beitsmarkt etc. per se ausgeschlossen; sie sind viel- mehr inkludiert, allerdings vielfach mit einer spezi- fischen und besonderen „sozialen Adresse“, die wohlfahrtsstaatlich konfiguriert wird (z. B. durch den rechtlichen Anspruch auf Bildung in einer Sonderschule). Darüber hinaus stellt das Rehabili- tationssystem (wie andere Felder Sozialer Arbeit) ein eigenständiges Funktionssystem moderner Ge- sellschaften dar, dessen Aufgabe zwar darin besteht, Chancen für die Inklusion in andere Funktions- systeme zu erhöhen; gleichzeitig aber besteht die Gefahr, aufgrund einer tendenziellen Eigengesetz- lichkeit auch dieses Systems Inklusion auf die Teil- habe an spezifischen Organisationen (stationäre Einrichtungen etc.) zu reduzieren. In dieser Per- spektive „erscheint Behinderung nicht länger als individuelles Merkmal bzw. Status, sondern kann als soziale Konstruk- tion in gesellschaftlichen Prozessen der Inklusion und Exklusion bestimmt werden. Dabei reicht es nicht, den analytischen Blick auf Aspekte der Exklusion zu richten, sondern die Art und Weise der Inklusion lohnt ebenfalls einer genauen Betrachtung“ (Wansing 2007, 291). Transdisziplinäre Ansätze der Disability Studies Als eine neue, fach- und fächerübergreifende For- schungsdisziplin präsentieren sich seit einigen Jah- ren die Disability Studies. Unter diesem Titel ent-

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