Handbuch 5. Auflage
Soziale Arbeit und Polizei 1463 dass die jeweiligen Kernaufgaben vermischt und die notwendigen unterschiedlichen Ansatzpunkt negiert werden. Stichworte wie Gewalt in der Fa- milie, Kindesmissbrauch, Jugend- und Kinderkri- minalität, Opferbetreuung, Drogen- und Sucht- prävention, Bewährungs- und Straffälligenhilfe deuten nicht mehr nur auf gemeinsame Problem- stellungen hin, sondern begründen oftmals kon- krete Kooperationsansätze. In diesen und weiteren Bereichen ist Polizei zumindest ebenso tangiert wie Sozialarbeit, und die Einsicht, dass soziale Pro- bleme durch repressive Maßnahmen nicht gelöst werden können ist bei Polizeibeamten inzwischen ebenso verbreitet wie bei Sozialpädagogen die Er- kenntnis, dass es ohne eine (auch) repressive Funk- tionen wahrnehmende Polizei keine funktionie- rende Gesellschaft geben kann. Allerdings bestehen nach wie vor zum Teil nicht unerhebliche Berührungsängste und Vorurteile. Dabei hat sich an den Aufgaben und Belastungen beider Gruppen eigentlich wenig geändert. Die Belastungen sind für beide Gruppen größer und die Frustrationen häufiger geworden. Die Grund- linien aber sind gleich geblieben: Polizei hat zu kontrollieren, Sozialarbeit zu helfen. Dabei passen Pädagogik und Justiz, Hilfe und Strafe durchaus zusammen: Die Pädagogik verbindet verschiedene Möglichkeiten der Verhaltenssteuerung, Zwang mit Freiwilligkeit, soziale mit repressiven und demokratische mit autoritären Mitteln. Die Poli- zei wiederum kontrolliert nicht nur, sie ist auch präventiv tätig. Längst hat man erkannt, dass vor- sorgen besser ist als heilen, dass Prävention sinn- voller sein kann als Repression. Auf der anderen Seite weiß man, dass Sozialarbeit kontrolliert, und zwar in größerem Maße, als dies viele wahrhaben wollen. Sozialarbeiter als „sanfte Kontrolleure“ war das Thema einer Studie in den 1960er Jahren (Peters / Cremer-Schäfer 1975). Kontrolle findet dabei nicht nur in der Bewährungshilfe oder Ju- gendgerichtshilfe statt, wo dies offensichtlich ist, sondern in fast allen Bereichen der Sozialarbeit. Das Verhältnis zwischen Pädagogik und Justiz ist nach wie vor gespannt und muss auch so sein. Das von Thiersch verlangte „öffentlich stellvertretende Eintreten für die Bedürfnisse anderer“ ist in vielen Bereichen praktischer Sozialarbeit kaum möglich. Die Verbindung von Pädagogik und Justiz, von Hilfe und Kontrolle bedeutet einen gesteigerten Zugriff auf das der Strafe unterworfene Subjekt. Die Tat verkümmert zunehmend zum Anlass von Behandlung. Die Grenzen zwischen staatlicher In- tervention, der Beschneidung individueller Frei- heitsrechte und dem Alltagsleben sind fließend geworden. Die limitierenden, begrenzenden Funk- tionen des Strafrechts werden zunehmend auf- geweicht, seine Bedeutung als rechtsstaatliche Komponente, die Verhältnismäßigkeit, Vorausseh- barkeit, Berechenbarkeit und Schutz der Verfah- rensbeteiligten gewährt, gerät in Vergessenheit. Literatur Beck, U. (1986): Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Suhrkamp, Frankfurt/M. Feltes, Th. (2008a): Null-Toleranz. In: Lange, H.-J. (Hrsg.): Kriminalpolitik. VS, Wiesbaden, 231–250 – (2008b): Vorwärts, Genossen, wir müssen zurück: Wie sich die Duisburg-Essener Pädagogik zurückentwickelt und sich nach den guten, alten Zeiten sehnt, wo man noch in Lagern denken und Gutes „gut“ und Böses „böse“ nennen durfte. Eine Polemik als Reaktion auf eine vorgebliche Buchbesprechung von Dietmar David Hartwich und Nor- bert Meder. In: www.polizei-newsletter.de, 3.12.2008 –, Ziegleder, D. (2009): Häusliche Gewalt – Die Geschichte der polizeilichen Auseinandersetzung mit einem sozialen Problem. In: Müller, H.E. (Hrsg.): Festschrift für Ulrich Eisenberg. Beck, München, 15–34 Hartwich, D.D., Meder, N. (2008): Bielefelder Blöße. Be- sprechung des Buches von Gil Kwamo-Kamdem: „Die Bedeutung pädagogischen Wissens in der Polizei NRW“. In: http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/Deri- vateServlet/Derivate-21087/BB6d_DDHb_formatiert. pdf, 3.12.2008 Peters, H., Cremer-Schäfer, H. (1975): Die sanften Kontrol- leure. Wie Sozialarbeiter mit Devianten umgehen. Enke, Stuttgart Schünemann, U. (2005): Rede zum Antrag der Fraktion der SPD Präventionsprogramm Polizei-Sozialarbeit. Sitzung des Niedersächsischen Landtages am 20.05.2005; TOP 40. In: http://www.izn.niedersachsen.de/master/C10462651_ L20_D0_I522_h1.html, 3.12.2008
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