Handbuch 5. Auflage

1472 Roth  auf Armutslagen reagieren, die im Kontext staatli- cher Sozialpolitik nicht bearbeitet werden. Diese Beispiele mögen genügen, um zu verdeutli- chen, dass die sozialpolitische Produktivität sozialer Bewegungen in Form von Protest und von Bewe- gungsalternativen keineswegs im vorigen Jahrhun- dert ausgeschöpft wurde, sondern auch in jüngster Zeit enorm ist, selbst wenn es an reformpolitischen Öffnungen mangelt Soziale Bewegungen und Soziale Arbeit Die Nähe von Sozialpolitik und sozialen Bewegun- gen bringt es mit sich, dass die Geschichte der so- zialen Berufe und ihrer Professionalisierung nach- haltig von sozialen Bewegungen geprägt wurde und noch immer geprägt wird. Unter der Überschrift „Mütterlichkeit als Beruf“ (Sachße 1986) wurden z. B. die Verbindungen zwischen historischer „bür- gerlicher“ Frauenbewegung und der Entwicklung des Berufsfeldes Sozialer Arbeit seit dem Ende des 19. Jahrhunderts freigelegt. Auch auf das moderni- sierte berufliche Selbstverständnis, das mit der aka- demischen Aufwertung und Professionalisierung seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre einher ging, wirkten soziale Bewegungen ein. Die Anstöße aus der Außerparlamentarischen Opposition und den neuen sozialen Bewegungen waren zeitweilig so nachhaltig, dass sogar von einer „Sozialarbeiter- bewegung“ die Rede war (Baron et al. 1978). Sie nahm Abschied vom fürsorgenden Mitgefühl und klientelistisch-bürokratischer Fallbearbeitung, in- dem sie anwaltliche Interessenvertretung und ge- meinsame Mobilisierung auf ihre Fahnen schrieb und in einer „Projekte-Bewegung“ neue Formen Sozialer Arbeit erprobte. Nicht nur Konflikte mit den Anstellungsträgern wie Kommunen undWohl- fahrtsverbänden waren die Folge. Auch das Ver- hältnis zwischen professioneller Sozialarbeit und neuen sozialen Bewegungen blieb spannungsgela- den. Radikalere Strömungen der Jugendzentrums- und Frauenhausbewegung z. B. verweigerten jede Kooperation mit professioneller Sozialarbeit. Gleichbetroffenheit wurde nicht nur in Frauenpro- jekten zu einer Norm, die eine professionelle Iden- tität selbst jenen schwer machte, die sich radikaler und progressiver Sozialer Arbeit verschrieben hat- ten. Hinzu kam die bewegte Infragestellung etab- lierter Formen Sozialer Arbeit in allen Bereichen. In der Folge entwickelten sich hybride Praxisfor- men, die nicht selten zwischen Sozialarbeit und Bewegungsprojekt schwanken. Dabei handelt es sich nicht um eine deutsche Sonderentwicklung, sondern um eine weltweite Erscheinung, die be- sonders in den USA als „Empowerment“-Tradition Anerkennung gefunden hat (Simon 1994). Die Suche nach einer „neuen Professionalität“ so- zialer Berufe ist keineswegs abgeschlossen. Eine wei- tere Verwissenschaftlichung ist ebenso im Gespräch wie eine verstärkte Orientierung an Arbeitsformen (Projekteorientierung, Selbsthilfeförderung, Vernet- zung, Gemeindeorientierung, Empowerment etc.) und Zielvorstellungen (Sozialberufe als Menschen- rechtsprofessionen, Wahrung von Bürgerrechten auch in prekären Lebenssituationen, Wohlfahrts- pluralismus, Wohlfahrtsgesellschaft, „Politik des Sozialen“ statt staatliche Sozialpolitik, globale so- ziale Gerechtigkeit, zusätzlich die viel gebrauchten Adjektive ökologisch, feministisch, multikulturell, global etc.), die ihre wesentlichen Anstöße durch zeitgenössische soziale Bewegungen erhalten ha- ben.

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