Handbuch 5. Auflage

1485 Soziale Netzwerke Von Ulrich Otto „No person is an island“ – die allgemeine Über- zeugung vom Menschen als soziales Wesen steht als Bezugspunkt über allen im Folgenden vorgetra- genen Überlegungen. Soziale Netzwerke müs- sen – weil es in all diesen Zugängen um die Ge- flechte sozialer Beziehungen zwischen einer bestimmten Anzahl von Menschen oder Organisa- tionen geht – per se eine große Rolle in der Sozia- len Arbeit spielen. Dies umso mehr, als sich diese kollektiv im Modernisierungsprozess aber auch individuell im Lebenslauf quantitativ und qualita- tiv dynamisiert haben. Dies ist Hintergrund für die starke Bezugnahme auf Soziale Netzwerke (und befördert sie zugleich), dabei spielt diese auch dort in sehr vielen Theorien, Paradigmen bis hin zu praxisorientierten Ansätzen eine sehr starke Rolle, wo sie vielfach nicht explizit so benannt wird (Otto 2005). Quellen, Theoriestatus und Foki der Netzwerkthematisierung Es ist durchaus umstritten, ob und inwiefern das Konzept des sozialen Netzwerks eine Theorie sozia- ler Strukturen darstellt (Hollstein 2006). Schon Barnes (1972) bestritt dies – mit seiner Netzwerk- analyse des sozialen Lebens in einer norwegischen Gemeinde als Muster von interaktiven Beziehun- gen immerhin einer der ersten prominenten Ver- treter des Konzepts. Hier ist nur anzudeuten, dass das Konzept auf vielfältige metatheoretische Über- legungen z. B. im disziplinären Kontext der Sozial- anthropologie (z. B. Levi-Strauss und Piaget), der Soziologie (z. B. Simmels formale Soziologie, Par- sons Theorie Sozialer Systeme oder Webers soziolo- gische Handlungstheorie) bezogen werden kann. Als drei weitere bis heute relevante theoretische Po- sitionen und Zugänge zu sozialen Strukturen für die Entwicklung des Konzepts des sozialen Netz- werks markiert Röhrle (1994, 12 ff.): Die Analyse von sozialen Präferenzen unter Be- 1. rücksichtigung kognitiv stimmiger – ausbalancier- ter – Beziehungsmuster, die Analyse der Ordnungsfiguren und Grundlagen 2. von Kommunikations- und Austauschprozessen: Soziale Netzwerke als geregelte Märkte des Aus- tausches von Ressourcen und Informationen, die Analyse sozialer Netzwerke als ein, auch im 3. symbolisch-interaktionistischen Verständnis, sinn- stiftendes, kollektiv hergestelltes und gepflegtes Gefüge. So repräsentiert der Netzwerkbegriff heute ein we- sentlich deskriptives, (bestenfalls) analytisches Konstrukt. Wird der Bezug auf soziale Netzwerke so breit eingeführt, wird zugleich erklärlich, warum es sich um ein sehr komplexes und keineswegs ein- deutiges Konstrukt handelt. Es ist einerseits For- schungsthema, andererseits praxisorientiertes Para- digma. Innerhalb der Forschung besitzt der Begriff des sozialen Netzwerks in verschiedenen Wissen- schaften jeweils unterschiedliche Bedeutungen. Im vorliegenden Beitrag geht es wesentlich um das Verständnis realer sozialer Entitäten, weniger um eine vorrangig analytische Perspektive auf alle mög- lichen beliebigen Muster, wie sie Gegenstand etwa der „struktur-analytischen“, der „strukturellen“ oder der „formalen Netzwerkanalyse“ ist (Hollstein 2006). Die Gruppe der letztgenannten hat sich mittlerweile zu einer Art Metakonzept mit einer sehr großen Verbreitung in verschiedenen Wissen- schaften entwickelt. Selbst in unserem eingegrenz- teren Begriffsraum besitzt der Netzwerkbegriff je- weils unterschiedliche Bedeutungen, werden mit ihm höchst unterschiedliche Arten von Netzwer- ken zu beleuchten versucht. Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art140, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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