Handbuch 5. Auflage

1486 U. Otto  Die Unterschiede sind u. a. den vielen einzelnen Disziplinen geschuldet, zu deren wichtigsten im hier vertretenen engeren Fokus die Psychologie, die Mikrosoziologie und die Ethnologie (Sozialanthro- pologie) zählen. Die Netzwerkperspektive wird nicht nur im Rahmen der Netzwerk- und Unter- stützungsforschung i. e. S. ausgearbeitet – theorie- ebenso wie interventionsbezogen –, sondern sie hat vielfältige theorieorientierte Anschlussstellen zu be- nachbarten disziplinären und professionellen Kon- zepten – wiederum: forschungs- wie anwendungs- bezogenen. Zu nennen sind als ihre disziplinären Bezüge die Sozialpädagogik / Sozialarbeit, innerhalb der Psychologie die Sozial-, Arbeits- und Betriebs- sowie Gemeindepsychologie, Stress- und Belas- tungsforschung, Rehabilitationswissenschaften, Le- benslaufforschung,SozialeGerontologie,Pflege-und Gesundheitswissenschaften, daneben Familienfor- schung, Ätiologieforschung, Psychotherapiefor- schung, systemische Therapieansätze u. a. Mit Bezug auf die oben benannten „großen Fra- gen“ wird in diesem Beitrag davon ausgegangen, dass die empirischen Sozialwissenschaften wichtige Funktionen in der, so Keupp (1994, VI), „‚Erdung‘ dieser Fragen übernehmen (können; U.O.). Die Erforschung von Struktur und Funktion sozialer Netz- werke […] (kann u.a.; U.O.) realitätsbezogene und -ge- sättigte Antworten auf die großen Fragen der ‚Kommuni- tarismus‘-Debatte geben. Denn was sind soziale Netzwerke anderes, als der soziale Kitt oder der Baustoff solidarischer Lebenswelten“. Sie kann zudem dazu beitragen, aus einer individu- umszentrierten Sichtweise zentrale Aspekte dieser individuell hochbedeutsamen Lebenswelten auf- zuklären. Die Betrachtung sozialer Netzwerke kreist – ganz allgemein formuliert – um die Frage, ob, in welcher Weise und unter welchen Bedingun- gen sie ein Potenzial an sozialer Unterstützung für Personen zur Verfügung stellen, ob auch tatsäch- liche Unterstützungsleistungen zustande kommen und welche Wirkungen schließlich registriert wer- den können. Die soziale Unterstützung kann sich dabei auf die verschiedensten Inhalte und Situatio- nen beziehen und aus unterschiedlichen Quellen gespeist werden. Das Interesse der Sozialen Arbeit geht auf dieser Basis sodann einen Schritt weiter: Es geht um die Frage nach Möglichkeiten, durch professionelle netzwerkbezogene Interventionen die lebenswelt- lichen Unterstützungspotenziale insbesondere von Individuen, teilweise aber auch von Gruppen und Gemeinwesen zu stärken. Die Basis bieten die zu- nächst vorgestellten theoretischen Überlegungen zu Struktur und Funktionen sozialer Netzwerke unter besonderer Berücksichtigung ressourcen- theoretischer Überlegungen und der Perspektive auf soziale Unterstützung. Für die wichtigen Fra- gen des Zustandekommens von sozialen Unter- stützungsprozessen in informellen und formellen Hilfesettings sowie des besonderen Stellenwerts des Konstrukts der Reziprozität kann leider nur auf die Literatur verwiesen werden. Auf das für Netzwerk- förderung besonders anschlussfähige und fundie- rende Modell gemischter Wohlfahrtsproduktion im Welfare Mix (Otto 2010) kann ebenfalls nur verwiesen werden. Themeneingrenzung und Basisinformationen Mit Blick auf wesentliche Fragestellungen der So- zialen Arbeit werden folgende weitere Eingrenzun- gen (Laireiter, 2009, 78 ff.) vorgeschlagen: Eine erste fokussiert auf relationale Netzwerke, in denen es um Netzwerke direkter Verbindung zwischen den einzelnen AkteurInnen geht. Neben diesen sind für eine Reihe von Analysen im Bereich Sozia- ler Arbeit auch positionale Netzwerke im Blick, in denen es um Akteure als Positionsrolleninhaber geht. Hier werden Teilstrukturen analysiert, indem danach gefragt wird, wie strukturell ähnlich sich einzelne soziale Elemente in Hinsicht auf be- stimmte Eigenschaften sind (z. B. Positionen, Rol- lenvorschriften, Verwandtschaftsgrade). Eine zweite Eingrenzung bezieht sich auf den Analyse- ausschnitt. Wir beziehen uns nicht auf Gesamt- oder totale Netzwerke, sondern wesentlich auf egozentrierte Netzwerke. Diese werden häufig auch als „personales“ oder „persönliches Netzwerk“ be- zeichnet. Im Kontext persönlicher Beziehungen sind diese besonders relevant. Ihre Analyseeinheit sind ein- zelne Individuen und nicht Verbindungsstrukturen. Wichtige Ausnahmen hiervon bestehen allerdings in Kontexten gemeinwesen- oder sozialraumorien- tierter Fragestellungen. Die für die Soziale Arbeit relevanten Forschungen untersuchen die persönli-

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