Handbuch 5. Auflage

Soziale Netzwerke 1497 die weiterhin notwendige Umorientierung in vie- len Fällen sozialer Dienstleistungen präsentiert. In der Konfrontation dieser Hinweise mit der tägli- chen Praxis zeigt sich, welcher enorme Nachholbe- darf hier besteht hinsichtlich der Haltungen der Sozialprofessionel- ■ ■ len, was die Zusammenarbeit mit informellen In- stanzen in Konzeptionen besser balancierter Wel- fare Mixes angeht, hinsichtlich der Kompetenzen der Sozialprofessio- ■ ■ nellen, die vom Assessment über die kommunikati- ven und interaktiven Vollzüge bis hin zum Vernet- zen im Sinne von Koordination und Kooperation und schließlich evaluativem Wollen und Können reichen müssen, hinsichtlich der Konzeptionsqualität sehr vieler ■ ■ Dienste, hinsichtlich der die einzelnen Dienste übergreifen- ■ ■ den Infrastrukturqualität in einem Gemeinwesen bzw. in einer Region, hinsichtlich der noch viel zu schwach ausgebauten ■ ■ Brückeninstanzen zwischen informellen Netzwer- ken und professionellen Diensten, hinsichtlich der Rahmenbedingungen sozialrecht- ■ ■ licher Art, was die Ermöglichung sinnvoll gestufter Handlungsketten angeht, was die Ermöglichung von weitgehend aus einer Hand kommenden Hil- fen angeht und was die Impulse angeht, in allen Prozessstufen ständig zu überprüfen, in welcher Weise die gegebenen Hilfen auch hinsichtlich der lebensweltlichen und Netzwerkqualität passen. 5. Die paradigmatischen Orientierungen fließen mittlerweile in eine vielfältige Umsetzung in Pa- radigmen , Methoden und Techniken ein. Dazu gehören sehr unterschiedliche Einzel-Methoden unterschiedlicher Reichweite und Komplexität – an dieser Stelle nur einige „Platzhalter“: Im „Ressour- cencheck“ z. B. geht es wesentlich um die Auf- deckung von Bewältigungsressourcen – auch durchaus zentral in Form nützlicher Netzwerke (Budde et al. 2004). In der „Subjektorientierten Netzwerkarbeit“ ist die Netzwerkperspektive we- sentlich für die vorgeschlagene Verschränkung von Fallbezug und Sozialraum (Klawe 2005). Diese Verschränkung wird ebenso angezielt in anderen Spielarten sozialraumorientierter Fallarbeit mit Netzwerken, z. B. dem Eco-Mapping oder der Ge- nogrammarbeit (Budde / Früchtel 2005). In von neuseeländischer Praxis inspirierten „Family Group Conferences“ wird gegenüber bisherigen expertIn- nenlastigen deutschen Hilfeplanverfahren vor- geschlagen, „lebensweltliche“ Lösungskonzepte der betroffenen Familien zu stärken (Früchtel 2002). Ganz offensichtlich sind das Methoden mit höchst unterschiedlicher Reichweite, die an unterschiedli- chen Punkten ansetzen und auch sonst vielfache Differenzen aufweisen. Gemeinsam aber sind ih- nen der basale Bezug auf soziale Netzwerke und die mit ihnen in Verbindung stehenden und als dyna- misch und beeinflussbar gesehenen Möglichkeiten, Ressourcen und Wirkungen sozialer Unterstüt- zung – sowohl negativer wie positiver Art. Netzwerkbezogene Interventionsansätze stehen durch ihre besondere Lebenswelt- und Alltagsnähe in besonderer Weise unter dem Verdacht, einer weiteren „Kolonialisierung“ weiterer Alltagsberei- che Vorschub zu leisten. Dies verbindet sie mit vielen anderen alltags- und verstehensbezogenen lebensweltnahen Konzepten. Das gilt sowohl mit Bezug auf das Argument der sozialpolitischen Stra- tegie der „Informalisierung“ und „Reprivatisie- rung“ eigentlich institutionell abzusichernder Risi- ken als auch auf das Argument, dass insbesondere durch eine qualitativ orientierte Netzwerk- und Unterstützungsperspektive die Geltungskraft uni- versalistischer und auf Standards aufbauender (auch z. B. auf gleiche Verteilung ausgerichteter) Interventionsstrategien weiter geschwächt werde. Diese Argumentationen stehen in eigentümlicher Spannung zu dem in prominenten Teilen z. B. der klassischen Soziologie und Sozialpolitikforschung unterstellten Zusammenhang, dass der Wohlfahrts- staat nicht nur als Ersatz oder Kompensation, son- dern auch als Verdränger sozialer insbesondere fa- milialer Netzwerke anzusehen sei. Sie fordern dazu heraus, in besonders verantwortungsvoller Weise sich Rechenschaft abzulegen über potenzielle und tatsächliche Wirkungen entsprechender Interven- tionen. Dies gilt für die Konzeption ebenso wie für die Evaluation der Arbeit.

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