Handbuch 5. Auflage
1496 U. Otto Thematisierung von Übergängen im Zentrum der Netzwerkforschung liegen, wurde bereits gezeigt. Wesentliche Schnittmengen und gegenseitig fruchtbare Herausforderungen bestehen (c) zu Konzepten der Lebenswelt- und Alltagsorientierung (Otto, 2005). (d) Ansätzen der Sozialraumorientie- rung korrespondieren ganz wesentliche Merkmale und empirische Indikatoren. Durch die Zentrie- rung auf personale soziale Netzwerke und darin die Ermittlung einer ganzen Reihe von Struktur- und Interaktionsparametern können in besonders ge- nauer Weise sozialräumliche Charakteristika ge- nauer untersucht werden. Darüber hinausgehend wird beispielsweise die Komposition der in der o. g. Abbildung 1 zusammengetragenen morphologi- schen Kennzeichen sozialraumorientiert modifi- ziert und erweitert. So lässt sich die geografische Verteilung des Netzwerks („Entfernung“) erheben. Oder der Parameter der Erreichbarkeit wird durch geografische Entfernung und damit zusammen- hängende leichte Erreichbarkeit operationalisiert. 3. Im Kontext dieses komplexen Paradigmas sowie unter Berücksichtigung spezifischer Desiderata der originären Fragestellungen Sozialer Arbeit geht es um die Weiterentwicklung komplexerer Wirkungs- modelle. Dazu gehören u. a. Formen eines „Pass- formkonzepts“. Soziale Unterstützungsakte müs- sen also sowohl mit Blick auf subjektive als auch auf objektive Hilfewirkung auf die Erwartungen und Bedürfnisse der Betroffenen ebenso wie auf die situationalen wie inhaltlichen Bedingungen der Problemstellung „passen“, wobei es unterschiedli- che Ausprägungen sein können, die im einen (sub- jektive Hilfe) oder im anderen (objektive Hilfe) Fluchtpunkt und in ihrer je spezifischen Kombina- tion die je passenderen sind. In der Regel wird da- von ausgegangen, dass es in einer Art kategorialer Typologie gelingen muss, besser geeignete Sup- port-Konstellationen sowohl für alltägliche soziale Unterstützung im Fluchtpunkt des Wohlbefindens als auch für spezifische Stress- oder Bedarfslagen zu bestimmen. Diese Typologie müsste abgestützt durch weitere Forschungsarbeiten ergänzt werden durch anlass- oder lebenslagenbezogene empirisch gewonnene Taxanomien. Schließlich muss mehr als in vielen bisherigen Un- tersuchungen gerade in Passformkonzepten die Zeitachse von Coping- und Unterstützungspro- zessen berücksichtigt werden, da davon auszugehen ist, dass der Effekt von Ressourcen und Unterstüt- zungshandlungen nicht statisch ist, sondern sich über die Zeit hinweg ändert. In sehr vielen Fällen wird das spezifische Timing unterschiedlicher Un- terstützungsformen zu wenig berücksichtigt, ob- wohl seit Langem bekannt ist, wie unterschiedlich der Nutzen des gleichen Unterstützungsgebarens eingeschätzt wird, je nachdem, wann es erfolgt (Jacobson 1986). Daran schließen manche Autor Innen eine Phasensystematik je passender Unter- stützungsformen je nach der gerade aktuellen Phase einer Krise oder eines Stressors an (Helgeson 1993, 826). 4. Auf der Basis der skizzierten Mehrdimensionali- tät werden bereits seit längerer Zeit in diversen Rahmenkonzepten der Netzwerkförderung (z. B. Nestmann 1989; Otto 2010) Ansatzpunkte netz- werkorientierter (sozial-)pädagogischer und pflege- rischer Intervention unterschieden und u. a. auch auf das Potenzial intermediärer, bürgerschaftlich orientierter Institutionen adaptiert. Dabei werden als AkteurInnen nicht nur, in einigen Fällen noch nicht einmal in erster Linie, die in ihnen teilweise tätigen professionellen Fachkräfte sowie die Akteu- rInnen in den beteiligten Institutionen der Sozial- politik betrachtet, sondern auch die in den unter- schiedlichen Rollen beteiligten BürgerInnen selbst. Gemäß den bis hier ausgearbeiteten Überlegungen beziehen sich netzwerkbezogene Interventionen in den am weitesten entwickelten Konzepten auf mehrere Ebenen gleichzeitig: auf die Wahrnehmung von Bedarfen nach social ■ ■ support, auf die Identifizierung von unterstützungsbezoge- ■ ■ nen Netzwerkressourcen, auf die Mobilisierung von NetzwerkpartnerInnen ■ ■ und deren Support-Potenzialen, auf die Verbesserung der potenziellen Verfügbar- ■ ■ keit von sozialer Unterstützung, auf die Angemessenheit der sozialen Unterstüt- ■ ■ zung im Kontext ihrer möglichst passförmigen Al- lokation, auf die Bedingungen der Einschätzung von sozia- ■ ■ ler Unterstützung. In konsequent netzwerkorientierten Konzepten wurden – bei allen Widersprüchlichkeiten der Netzwerkkonzepte und bei aller gebotenen Zu- rückhaltung hinsichtlich zu erzielender positiver Wirkungen – insgesamt beeindruckende Belege für
Made with FlippingBook
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM0NTA=