Handbuch 5. Auflage

1499 Soziale Probleme Von Axel Groenemeyer Unabhängig davon, welche Aufgaben und Funk- tionen der Sozialen Arbeit sonst noch zugeschrie- ben werden oder welche Ziele und Orientierungen sie selbst als Profession programmatisch anvisiert, in erster Linie ist die Soziale Arbeit eine Institution der Bearbeitung, Kontrolle oder Verwaltung sozia- ler Probleme. Betroffenheiten von sozialen Proble- men stellen die Handlungsanlässe, Begründungen und Legitimationen für Soziale Arbeit dar und be- stimmen ihre Diskurse, Programmatiken und Me- thoden genauso wie ihre Finanzierung und öffent- liche bzw. politische Anerkennung; sie sind die Grundlage und das „Material“ für professionelle Interventionen und ihre Institutionalisierung in Beratungs- und Jugendhilfeeinrichtungen, in sozi- alpolitisch relevanten Gesetzestexten, in Betreu- ungs- und Resozialisierungsmaßnahmen oder an- deren sozialen Diensten. Von daher gewinnen Reflexionen über den Charakter sowie die Bedin- gungen der Entstehung und der Thematisierung sozialer Probleme eine besondere Bedeutung so- wohl für theoretische und empirische Analysen wie auch für das professionelle Selbstverständnis der Sozialen Arbeit. Wenn von sozialen Problemen die Rede ist, dann werden damit im Alltag sofort konkrete Beispiele assoziiert wie Armut, Kriminalität, Drogenkonsum, Arbeitslosigkeit, sexueller Missbrauch, Alkoholis- mus oder Gewalt. Der Begriff „Soziales Problem“ ist mittlerweile in die Umgangssprache eingegangen und die damit bezeichneten Bedingungen oder Ver- haltensweisen sind Bestandteil öffentlicher Diskus- sionen, politischer Maßnahmen und wissenschaftli- cher Untersuchungen. Ganz allgemein bezeichnet ein Problem die Wahrnehmung einer Diskrepanz zwischen einem angestrebten Ziel oder Wert, dem Soll-Zustand, und der tatsächlichen Situation, dem Ist-Zustand, die durch Maßnahmen der Problemlö- sung reduziert oder gar aufgehoben werden soll. Im Unterschied zu privaten und individuellen Proble- men werden soziale Probleme als kollektiv interpre- tiert und über ihre Thematisierung eine kollektive Verantwortung bzw. eine politische oder gesell- schaftliche Veränderung angemahnt. Offenbar ist aber sowohl die Grenze zwischen individuell pri- vaten und sozialen Problemen als auch die Einschät- zung einer grundsätzlichen kollektiven Veränderbar- keit der Situation außerordentlich variabel, und die Aufmerksamkeit, die sozialen Problemen in der Öf- fentlichkeit und Politik gewidmet wird, kann durch- aus wechselhaft sein. Manche sozialen Probleme tauchen plötzlich in öffentlichen oder politischen Diskursen auf und werden in den Massenmedien breit behandelt, diskutiert oder auch skandalisiert, Aufträge für wissenschaftliche Expertisen werden vergeben und politische Maßnahmen beschlossen. Manchmal verlieren sie an Aufmerksamkeit und werden „vergessen“, neu bewertet oder in ihrem Charakter uminterpretiert, eher selten werden sie sogar gelöst. Häufig aber sind sie als dauerhaft zu bearbeitende Probleme angelegt und gehören zum festen Bestandteil moderner Gesellschaften oder werden als notwendige Folgeerscheinung der gesell- schaftlichen Entwicklung hingenommen und in ih- ren Auswirkungen durch spezialisierte Institutionen (z. B. der Sozialen Arbeit, der Sozialpolitik, des Kri- minal- oder Gesundheitssystems) und entspre- chende Organisationen, durch die Verteilung öffent- licher Gelder, rechtliche Regelungen und ihre Durchsetzung oder durch soziale Dienste bearbeitet, verwaltet oder kontrolliert. Soziale Probleme sind die Basis für die Mobilisie- rung sozialer Bewegungen und Themen für Skan- dalisierungen und Dramatisierungen in den Mas- senmedien, des politischen Systems und der Unterhaltungsindustrie. Erst über diese verschiede- nen Formen öffentlicher und politischer Problema- tisierung sowie über ihre Institutionalisierung in Otto/Thiersch (Hg.), Handbuch Soziale Arbeit, 5.A., DOI 10.2378/ot4a.art141, © 2011, 2015 by Ernst Reinhardt, GmbH&Co KG, Verlag, München

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