Handbuch 5. Auflage
Behinderung 151 Kräfte“ oder bestimmter „seelischer Störungen“ in ihrer Teilhabefähigkeit eingeschränkt sind (§§1–3 Eingliederungshilfe-Verordnung). Ergänzend dazu versucht die Bundesarbeitsgemeinschaft der über- örtlichen Sozialhilfeträger den Begriff der „Teil habefähigkeit“ bzw. Beeinträchtigungen der Teil- habe – der die „wesentliche“ Behinderung zu spezifizieren sucht – zu operationalisieren. Sie schlägt dazu vor, „Aktivität und Teilhabe bzw. deren Beeinträchtigung zumindest in den Bereichen Selbstversorgung, ■ ■ häusliches Leben / Haushaltsführung, ■ ■ Mobilität (Bewegungsfähigkeit), ■ ■ Orientierung, Kommunikation, ■ ■ interpersonelle Interaktion und Beziehung“ ■ ■ zu analysieren (BAGüS 2009, 9 f.). Die Schwierigkeiten einer Definition von Behin- derung in leistungsrechtlichen Zusammenhängen liegen insbesondere darin begründet, dass mit ihr eindeutige Kriterien gewonnen werden müssen, die einerseits die Zuteilung von Ressourcen legiti- mieren, andererseits die Lebenslage Behinderung von anderen Lebenslagen abgrenzen, die ebenso durch Teilhabeeinschränkungen charakterisiert sein und daher Ansprüche auf sozialstaatliche Transferleistungen begründen können (z. B. Alter, Armut etc.). In einer vergleichenden Analyse der in Europa ge- bräuchlichen Behinderungsbegriffe kommt eine Studie der Universität Brunel entsprechend zum Ergebnis, dass „es keine ideale Methode [gibt], in der Sozialpolitik Gren- zen zwischen behinderten und nicht behinderten Men- schen zu ziehen. Die Systeme, die weniger Wert auf medi- zinische Beweise legen, messen dem Kriterium der sozialpolitischen Relevanz viel Bedeutung bei. Die stärker medizinisch ausgerichteten Systeme hingegen können sich größerer Legitimation erfreuen, insbesondere wenn die Ärzte ein entsprechendes Ansehen genießen und das System offene Meinungsverschiedenheiten zwischen den Ärzten zu verhindern weiß“ (2002, 70). „Welcher Begriff von Behinderung tauglich ist, zeigen seine Folgen für die Betroffenen“, so formu- liert Bleidick bereits in den Anfängen der Diskus- sion um Behinderung und den Ausbau der helfen- den Institutionen (1976, 413). In Zusammenhang mit der zunehmend grundrechtlich verorteten Dis- kussion adäquater Sozial- und Gesellschaftspolitik stellt sich die Frage, ob „Behinderung“ auch für die Zukunft ein tragfähiges Konstrukt sein kann oder ob sich nicht diese Lebenslagen einordnen lassen in ein übergreifendes Konzept, das unterschiedliche Risiken gesellschaftlicher Exklusion in den Blick nimmt. Entsprechende Diskussionen beginnen sich unter dem Begriff „diversity“ herauszubilden; die Europäische Kommission ordnet ihre Politik für behinderte Menschen bereits dem Bereich „Di- versity and Non-discrimination“ zu. Literatur APPLICA, CESEP, ALPHAMETRICS (2007): Men and Women with Disabilities in the EU: Statstical Analysis of the LFS ad hoc Module and the EU-SILC Study Financed by DG Employment, Social Affairs und Equal Opportuni- ties. Final Report. In: http://ec.europa.eu/employment_ social/index/lfs_silc_analysis_on_disabilities_en.pdf, 05.03.2010 Beck, I. (1998): Gefährdungen des Wohlbefindens schwer geistig behinderter Menschen. In: Fischer, U., Hahn, M. Th., Lindmeier, Ch., Reimann, B., Richardt, M. (Hrsg.), 273–299 Bleidick, U. (1976): Metatheoretische Überlegungen zum Be- griff der Behinderung. Zeitschrift für Heilpädagogik 27, 408–415 Bundesarbeitsgemeinschaft der überörtlichen Träger der Sozialhilfe (BAGüS) (2009): Der Behinderungsbegriff nach SGB IX und XII und die Umsetzung in der Sozial- hilfe. Orientierungshilfe für die Feststellungen der Träger der Sozialhilfe zur Ermittlung der Leistungsvorausset- zungen nach dem SGB XII i. V. m. der Eingliederungs- hilfe-Verordnung (EHVO). In: http://www.lwl.org/ spur-download/bag/orientierungshilfe_behinderungs- begriff %20endf_24112009.pdf, 05.03.2010 Cloerkes, G. (Hrsg.) (2007): Soziologie der Behinderten. Eine Einführung. 3.Aufl. Winter, Heidelberg – (2003): Wie man behindert wird. Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebenssituation betroffener Menschen. Winter, Heidelberg –, Kastl, J.-M. (Hrsg.) (2007): Leben und Arbeiten unter er- schwerten Bedingungen. Menschen mit Behinderungen im Netz der Institutionen. Winter, Heidelberg Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) (Hrsg.)
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