Handbuch 5. Auflage
Soziale Probleme 1513 auch die selektive Verteilung von Ressourcen und die Zuteilung von Statuspositionen in routinierter und scheinbar technisch neutraler Form. Die Transformation von Individuen in Klientel bedeu- tet so auch eine Veränderung des moralischen Sta- tus einer Person. Eine Diagnose, ein polizeilicher Verdacht oder eine Identifizierung von Vernach- lässigung in der Jugendhilfe ist immer eine bewer- tende Problemzuschreibung an die betroffene Per- son; es handelt sich nicht um eine rein technische Angelegenheit, sondern immer auch um ein (zu- meist negatives) Werturteil über die Person. Bereits die Existenz der Institution und die mit ihr ver- bundene Lizenz, z.T. weitreichende Eingriffe in das Leben der Klientel vorzunehmen und Änderungen ihrer Ausstattung mit Ressourcen und ihres Status vorzunehmen, beinhaltet das moralische Urteil, dass damit problematische Situationen und Per- sonen bearbeitet werden sollen. Die Kategorisie- rung und ihre moralische Bewertung sind in den Institutionen also nicht Gegenstand expliziter Ent- scheidungen durch die Mitarbeiter und Mitarbeite- rinnen, sondern Bestandteil des institutionalisier- ten Doing Social Problems. Sowohl die besondere Bedeutung der Beziehung zwischen Klientel und Professionellen als auch die moralische Dimension der Kategorisierung verwei- sen unmittelbar auf Emotionen im Prozess des Doing Social Problems, die sowohl als Sympathie oder Antipathie den Interaktionsprozess beeinflus- sen als auch in professioneller Weise eingesetzt und kontrolliert werden, um Compliance zu erzeugen und Autorität und Professionalität zu präsentieren. In den Organisationen werden die Problemkatego- rien über Interaktionsprozesse in legitime Betrof- fenheiten verwandelt, indem sie zu Fällen gemacht werden. Doing Social Problems oder Problemarbeit verweist darauf, dass es sich hierbei um ein aktives Herstellen handelt, das nach bestimmten, identifi- zierbaren Regeln funktioniert. Dabei geht es nicht um die Frage, ob diese oder jene Form der Katego- risierung und der Bearbeitung eines sozialen Pro- blems angemessen ist oder zu seiner Lösung bei- trägt, sondern zunächst nur umeineRekonstruktion und Erklärung der Art und Weise, wie diese Insti- tutionen in ihrem Inneren funktionieren und wa- rum sie so funktionieren wie sie funktionieren. Literatur Albrecht, G. (1990): Theorie sozialer Probleme im Wider- streit zwischen „objektivistischen“ und „rekonstruktionis- tischen“ Ansätzen. Soziale Probleme 1, 5–20 – (1977): Vorüberlegungen zu einer „Theorie sozialer Pro- bleme“. In: Ferber, CH.v., Kaufmann, F.-X. (Hrsg.): Sozio- logie und Sozialpolitik. Westdt. Verl. Opladen, 143–185 –, Groenemeyer, A. (2011): Handbuch Soziale Probleme. 2.Aufl. VS Verl., Wiesbaden –, – Stallberg, F.W. (Hrsg.) (1999): Handbuch Soziale Pro- bleme. Westdt. Verl., Opladen Bellebaum, A., Braun, H. (Hrsg.) (1974): Reader Soziale Pro- bleme. Herder und Herder, Frankfurt/M. Best, J. (2008): Social Problems. W.W. Norton&Co., New York – (2006): Amerikanische Soziologie und die Analyse sozialer Probleme. Soziale Probleme 17/1, 20–33 Bohle, H.H., Heitmeyer, W., Kühnel, W., Sander, U. (1997): Anomie in der modernen Gesellschaft. In: Heitmeyer, W. (Hrsg.): Was treibt die Gesellschaft auseinander? Suhr- kamp, Frankfurt/M., 29–65 Bommes, M., Scherr, A. (2000): Soziologie der Sozialen Ar- beit. Eine Einführung in Formen und Funktionen organi- sierter Hilfe. Juventa, Weinheim Castel, R. (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. UVK, Konstanz Durkheim, E. (1984): Die Regeln der soziologischen Me- thode. (fr. org. 1895). Suhrkamp, Frankfurt/M. Edelman, M. (1988): Die Erzeugung und Verwendung sozia- ler Probleme. Journal für Sozialforschung 28, 175–192 Elias, N. (1936/1976): Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Untersuchungen (2 Bände). Suhrkamp, Frankfurt/M. Erikson, K.T. (1966): Wayward Puritans. A Study in the So- ciology of Deviance. John Wileys&Sons, New York [deutsch 1978: Die widerspenstigen Puritaner. Zur Sozio- logie abweichenden Verhaltens. Klett-Cotta, Stuttgart] Evers, A., Nowotny, H. (1987): Über den Umgang mit Unsi- cherheit. Die Entdeckung der Gestaltbarkeit von Gesell- schaft. Suhrkamp, Frankfurt/M. Fuller, R., Myers, R.R. (1941): The Natural History of a So- cial Problem. American Sociological Review 6, 320–328 Gans, H.J. (1992): Über die positiven Funktionen der un- würdigen Armen. Zur Bedeutung der „Underclass“ in den USA. In: Leibfried, S., Voges, W. (Hrsg.), Armut im mo- dernen Wohlfahrtsstaat. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 32, 48–62
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