Handbuch 5. Auflage
1512 Groenemeyer Über die konkrete Fallbearbeitung im Alltag von Institutionen der Problembearbeitung werden also abstrakte Kategorien sozialer Probleme zu konkreten Betroffenheiten und aus Individuen Fälle und Klienten bzw. Klientinnen gemacht. Die Anwendung abstrakter Problemkategorien auf konkrete Fälle im Alltag ist allerdings ein höchst voraussetzungsreicher Prozess. Die Organisationen sind kein Abbild politischer Entscheidungsprozesse und Programme, sondern entfalten ein Eigenleben der Interpretation und Bearbeitung von Problem- kategorien. Die Anwendung der Problemkatego- rien im Alltag der Problembearbeitung setzt ein bestimmtes Wissen, spezifische Orientierungen und Techniken voraus, die dann in Interaktions- prozessen zwischen Professionellen und Betroffe- nen eingesetzt werden. Hierbei handelt es sich um einen Aushandlungsprozess, der zwar mit unter- schiedlicher Macht auf Seiten der Organisation und auf Seiten der Betroffenen abläuft, an dem aber die Betroffenen aktiv beteiligt sind. Klienten bzw. Klientinnen müssen Symptome, Defizite oder Belastungen äußern, eventuell sogar aktiv eine In- anspruchnahme initiieren, Tatverdächtige bringen Entlastungsgründe und Erklärungen vor usw., die dann in Interaktionen mit den Problemarbeitern und -arbeiterinnen die Zugehörigkeit des Falls zur entsprechenden Problemkategorie konstruieren und darauf aufbauend spezifische Techniken der Problembearbeitung begründen. Diese Prozesse der Konstruktion sozialer Probleme im Alltag der institutionellen und organisatorischen Kontexte der Problembearbeitung und ihre Konsequenzen können als „Doing Social Problems“ oder „Pro- blemarbeit“ beschrieben und analysiert werden. Doing Social Problems ist die Anwendung von Re- geln, Techniken und Wissen auf individuelle Pro- blemlagen und Problemsituationen. Grundlage hierfür ist ein Prozess der Kategorisierung und ihre Begründung in Rahmen von legitimierten Wis- sensbeständen, die für die Institutionen der Pro- blembearbeitung typisch sind. Problemarbeit in Dienstleistungsorganisationen bedeutet in erster Linie den Versuch der Verände- rung von Menschen, sei es ihres Status, ihrer Res- sourcen oder ihrer Kompetenzen, Motivationen oder Orientierungen. Aus der Perspektive der Pro- fessionellen in den Einrichtungen der Problem- bearbeitung stellen dabei Problembetroffene oder Adressaten das „Rohmaterial“ der Organisation dar (Hasenfeld 2010). „Rohmaterial“ bedeutet nicht, dass die Individuen als passive Objekte behandelt werden oder dass im Interaktionsprozess von ihrer Individualität und Subjektivität abgesehen werden könnte. Vielmehr wird damit zum Ausdruck ge- bracht, dass sie im Kontakt mit der Organisation zunächst einem Transformationsprozess unterlie- gen: Aus Individuen werden Klienten oder Klien- tinnen, Patienten oder Patientinnen, Verdächtige, Angeklagte oder Antragsteller. Damit sie zu Gegen- ständen der Problemarbeit werden können, müssen aus ihnen Fälle gemacht werden. Hierzu wird in der Regel auf Gesetzestexte und Vorschriften, Diag nosehandbücher, Risikochecklisten oder Programme zurückgegriffen, die als ein selbstverständliches Wissen routiniert angewendet werden und die Grundlage für Aushandlungsprozesse mit den Be- troffenen darstellen. Über die mit der Diagnose verbundene Typisierung wird die Individualität der Klientel in professionell und institutionell hand- habbare Kategorien der Fallbearbeitung überführt und alle „überflüssigen“ Informationen der per- sönlichen Lebenspraxis ausgeblendet. Grundsätzlich werden die Kategorien sozialer Pro- bleme in Interaktionsprozessen aktiv produziert und die von diesen Interpretationen Betroffenen beteiligen sich aktiv daran, indem sie Symptome schildern, Rechtfertigungen vorbringen und ent- sprechende Informationen zum Fall liefern. Die Metapher des „Rohmaterials“ impliziert aber einen weiteren Aspekt der Kategorisierung. Analog zur Bearbeitung von Rohmaterial in anderen Produkti- onsprozessen kann die Transformation der Indivi- duen als eine Anpassung an die Erfordernisse des Produktionsprozesses und der Organisation ver- standen werden. Institutionen der Problembear- beitung haben jeweils spezifische Mechanismen entwickelt, über die aus individuellen Subjekten angepasste Klienten und Klientinnen werden kön- nen. In diesem Sinne bedeutet der Statuswechsel zum Klienten oder zur Klientin immer auch ein Anpassungsprozess an eine durch die Organisation bestimmte Rolle. Institutionen der Problembearbeitung, wie z. B. die Soziale Arbeit, verkörpern jeweils bestimmte gesell- schaftlich bzw. politisch positiv bewertete Ziele und Wertideen, und die Kategorisierung von Per- sonen beinhaltet eine moralische Bewertung, die Grundlage und Bezugspunkt für das Selbstbild der Betroffenen ist. Doing Social Problems ist immer
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